Von Dieter E. Zimmer

Solange Solschenizyns Werke unterdrückt werden und Danielj und Sinjawskij inhaftiert bleiben, sollten die westlichen Romanschriftsteller die Veröffentlichung ihrer künftigen Werke in der Sowjetunion verbieten. Aufgestört vom Fall Kusnezow, richtete Graham Greene diesen Appell an seine Autorenkollegen. Denn: "Wir sind mißbraucht worden, um den Eindruck kultureller Freiheit zu erwecken."

Zwei Nebenaspekte mögen außer Betracht bleiben: daß die UdSSR der internationalen Copyright-Konvention nicht angehört und folglich gedruckt hat, druckt und drucken wird, was sie drucken will, ob die Verfasser nun damit einverstanden sind oder nicht; und daß Greenes begreiflicherweise empörte Geste ein wenig unvermittelt kommt und ihn dem Vorwurf der Verschlafenheit aussetzt: "Es wundert mich", schrieb Greenes Kollege John Brahe denn auch, "daß Mr. Greene so lange gebraucht hat, um herauszufinden, wie Schriftsteller in der Sowjetunion behandelt werden."

Selbst aber wenn dem nicht so wäre, wenn ein Autor so zeitig wie nur möglich reagierte, und das mit einiger Aussicht auf die Verbindlichkeit seines Verbotes – selbst dann bliebe die Frage, ob es eigentlich ratsam ist, die Veröffentlichung der eigenen Werke unter totalitären Regimes zu verhindern.

Das Dilemma eines derartigen Boykotts besteht darin, daß er eine aus Ohnmacht paradox invertierte Aktion darstellt. Wenn Solschenizyn oder Kusnezow in der Sowjetunion, wenn die Autoren X in Spanien oder Y in Griechenland nicht oder nur verstümmelt publiziert werden dürfen, so müßte eigentlich jeder Autor, der sich mit ihnen solidarisch weiß, alles daran setzen, daß ihre Werke wie die seinen erscheinen können; er dürfte, stünde es in seiner Macht, geradeaus zu denken und zu handeln, nicht deren Zensoren ihre Arbeit abnehmen, indem er über sich selbst freiwillig eine Zensur verhängt.

Wem nützt der Boykott? Die sowjetische Regierung wird sich gewiß nicht ;so beeindrucken lassen, daß sie nun Solschenizyns Werke freigibt, deren explosive Wirkung sie wohl nicht falsch beurteilt. Dem sowjetischen Leser wird nicht nur Solschenizyn entzogen, sondern nun auch Greene – und vielleicht ist die Regierung sogar ganz froh darüber, nun auch dieses unsichere Element losgeworden zu sein.

Und die Alibi-Theorie: sie ist hier wie in den meisten Fällen höchst fragwürdig. Graham Greene in der Sowjetunion, Brecht in Spanien, Böll in der DDR, Arthur Miller in Griechenland (kürzlich verhängte er einen ähnlichen Boykott) – sie alle mögen ja gleichzeitig Alibis liefern, mögen unfreiheitlichen Regimes den täuschenden Anschein der Freiheitlichkeit verleihen. Aber sie tun schließlich nicht nur das. Daß sie in diesen Ländern gedruckt werden, ist in der Tat ein Stück Freiheitlichkeit. Soll eine Bevölkerung, der man nur einen kläglichen Rest von Freiheit gelassen hat, auch noch damit gestraft werden, daß man ihr diesen entzieht? Einige APO-Leute bei uns meinten damals: lieber Schröder als Heinemann, dieser verschleiere nur die schlimmen Verhältnisse, indem er eben nicht so schlimm sei. Eine sonderbare Doktrin, die alles oder nichts verlangt und Harakiri macht, wenn sie von dem Alles nur einen Teil bekommt.