Von Marianne Kesting

Der spanische Bürgerkrieg gehört zu den großen, unerschöpflichen Themen der modernen Literatur. In einem traditionsgebundenen Land an der Peripherie Europas geriet die Kaskade der europäischen Revolutionen in ein verzweifeltes Stadium; sie zeigte sich von ihrem wichtigsten Hinterland, der Sowjetunion, verlassen und mündete in eine fatale Restauration. Das Problem des spanischen Bürgerkriegs ist bis heute das der Revolution geblieben, und so wundert es nicht, daß die Augenzeugen der Vorgänge sie immer wieder umkreisen.

José Luis de Vilalonga, der selber zu der abgesetzten spanischen Adelsschicht gehört, schildert in seinem Roman

José Luis de Vilalonga: "Allegro barbaro", aus dem Spanischen von Paul Baudisch; Kurt Desch Verlag, München; 285 S., 20,– DM

den Vorabend und Ausbruch des Bürgerkriegs aus der Sicht des Adels, genauer: aus der Sicht der psychisch und physisch bereits gebrochenen Adelskaste, die ihren Herrschaftsanspruch, ihren Reichtum, ihre Lebensweise nur noch in steifen Zeremoniellen mühselig wahrte. In einer teils barock-manieristischen, teils dem Expressionismus verpflichteten Sprache von abruptem Eklat erzählt er den düsteren Niedergang dieser Granden in pastosen Farben, um die ihn mancher moderne Romancier, der der Askese der Nüchternheit verfallen ist, beneiden könnte.

Es gibt unvergleichliche Passagen in diesem Buch: die Szenen kultischen Prunks bei den Feiern der Taufen und Beerdigungen, deren goldüberladene Zeremonien nur noch dürftig das dekadente Dahindämmern dieser Adelsschicht übertünchen; ihr Untergang ist schon beschlossen, bevor die revolutionären Massen sie aus ihren Palästen vertreiben. Oder die Schilderung des letzten großen Adelsballs unter Alfonso VIII., der, still, höflich und schwächlich, schon halb seine Rolle anderen abgibt; das glanzvolle letzte Fest der spanischen Monarchie ist bereits eine Theaterszene geworden, in der man spielt, was man nicht mehr ist. Im Hintergrund schwelen die Unruhen, platzen die Bomben der Anarchister. Die Widerständler werden brutal von jenem Oberst de Los Cobos niedergemetzelt, der kurz darauf heimlich mit dem gesamten Adel Spanien verläßt, um an der Riviera seinen unermeßliche! Reichtum in Sicherheit zu verzehren.

Nur die Großmutter der Los Cobos, Dom Sagrario, die das Haus regiert, bleibt bis zuletzt auf der apokalyptischen Szenerie. Sie hatte kommen sehen, was kam, und stirbt, von den Dienern verlassen, hochmütig, kalt, und zeigt den eindringenden Mördern, die sie auf scheußliche Weise umbringen, aristokratische Haltung. Sie stirbt als Königin und bereitet sich sorgfältig, in große: Toilette und mit allem verfügbaren Schmuck, auf ihre Ermordung wie auf einen letzten Auftritt ihres an imponierenden Auftritten reicher. Lebens vor.