Bukarest, im August

Mit einundzwanzig blumigen Vierzeilern, die wie Salut aus den Lautsprechern des Bukarester Kongreßsaales donnerten, wurden die "glorreiche Partei" und "Genosse Ceausescu, der Führer" von den jungen Pionieren gefeiert. Sie waren unter Fanfarenklängen auf die Tribüne gestürmt und verteilten rote Nelken und Küsse. Ein wenig verlegen nahm Nicolae Ceausescu die Huldigung entgegen. Zu Beginn des Parteitages hatte er den Beifall, der für ihn aufkam, mit gebieterischen Handbewegungen abgebremst. Doch als er am Dienstag einstimmig wiedergewählt worden war, ließ er den Hurra-Rufern, die minutenlang seinen Namen skandierten, freien Lauf.

Ceausescu ist zur vaterländischen Galionsfigur geworden. Denn nach fünfjähriger Regierungszeit ist im Bewußtsein von 20 Millionen Rumänen mit seinem Namen eine Wende verbunden: Das Land ist aus einem stummen Satelliten zu einem nationalbewußten, eigenwilligen Alliierten der östlichen Großmacht geworden. Aus einem totalitären Polizeistaat hat sich eine gemilderte Diktatur entwickelt.

So viel und so wenig dies wiegt – es genügte, um überall im Lande für Ceausescu jenes Parteivolk zu mobilisieren, daß diesmal nicht nur die Delegierten zum Bukarester Kongreß, sondern gleich auch die Kandidaten für das Zentralkomitee zu bestimmen hatte. Der Kongreß selbst – und nicht wie bisher das neue Zentralkomitee – wählte von neuem Ceausescu zum Generalsekretär, und nur ein neuer Kongreß, nicht etwa das Zentralkomitee, könnte ihn nach dem neuen Parteistatut absetzen – was Moskauer Eingriffe gewiß erschwert. Mit dieser Statutenänderung, die dem ersten Mann der Partei vom Volk her die nötige Akklamation verschafft, wurde der personalpolitische Einfluß der alten Garde begrenzt, die noch immer in der Umgebung Ceausescus wirkt.

Jene alte Garde freilich war es gewesen, die 1964 das damals jüngste Politbüromitglied Ceausescu auf den Schild hob – als Nachfolger jenes Gheorghiu-Dej, über dessen monumentalem Grabmal in Bukarest noch immer eine ewige Flamme brennt. Aber gerade ihm hat Ceausescu in seiner Parteitagsrede jetzt die Verantwortung für all die "Fehler und Ungesetzlichkeiten" aus der Stalin-Ära zugeschoben. Männer wie Stoica und Apostol, die zu den engsten Freunden Gheorghiu-Dejs gehörten, haben deshalb auf diesem Kongreß ihre Positionen in der Parteispitze verloren; andere, wie Maurer und Bodnaras, bewahrte Ceausescu vor dem Fall. "Die Tatsachen sind geschehen, jetzt können wir nichts mehr ändern", sagte er abgeklärt. "Wir haben aber die Pflicht vor Partei und Volk, Maßnahmen zu ergreifen, damit sich solche Zustände niemals wiederholen."

Inmitten dieser "Zustände" hatte sich immerhin die steile Karriere des bäuerlichen Schuhmachersohnes Ceausescu vollziehen können. Schon mit achtzehn Jahren war er als kommunistischer Jugendfunktionär wegen illegaler Aktivität im Kronstädter Gefängnis gesessen – zusammen mit einem in die Sowjetunion desertierten, später verhafteten Offizier der königlichen Armee namens Bodnaras. Als dann 1944 die kaum 1000 Mitglieder zählende KP auf sowjetischen Bajonetten zur Macht getragen wurde, da tat sich Bodnaras als Verbindungsmann zum Oberkommando der Roten Armee hervor. 1947 war er schon Verteidigungsminister; sein junger Mann aber war der achtundzwanzigjährige Brigadegeneral Ceausescu.