Paul Hindemith: "Cardillac"; Fischer-Dieskau, Kirschstein, Grobe, Kohn, Katz, Söderström, Nett, Chor und Orchester des Westdeutschen Rundfunks, Leitung: Joseph Keilberth; Deutsche Grammophon Gesellschaft 139 435/36, 50,– DM.

Kunst als Ware – die neuerlich so brisante Frage war bereits 1928 Gegenstand des ansonsten so schwerfälligen und hinter seiner Zeit herhinkenden Unternehmens Oper. Ist Kunst veräußerbar; kann der Künstler das von ihm Geschaffene eintauschen gegen einen anderen Wert und sich solchermaßen lösen von seinem Werk wie jeder beliebige andere Produzent von seiner Ware? Ferdinand Lion nach E. T. A. Hoffmann ("Das Fräulein von Scuderi") läßt den Goldschmied Cardillac zwar seine Kunstwerke verkaufen, aber mit unwiderstehlicher Gewalt fühlt sich der Verkäufer gezwungen, den Käufern nachzugehen, sie zu töten und sein Werk wieder in seinen Besitz zurückzubringen. Als Cardillac von seiner Tochter und seinem zukünftigen Schwiegersohn als Mörder entlarvt und von den Bürgern gelyncht wird, bekennt Cardillacs Gold-Lieferant: "Ein Held starb."

1928 schien das eine Lösung der Frage. Hindemiths musikalische Einkleidung dieser mystisch aufgeblähten und in expressionistischen Wortgewalten verkündeten Künstler-Offenbarung wirkt wie eine Gloriole. Zwar ist die Formwelt des Barock – Arie mit obligaten Solo-Instrumenten, Concerto grosso, Passacaglia – neoklassizistisch ausgewertet, aber das Pathos der Mischklänge, die vielen getragenen Tempi oder die sauberen Ganzton-Stufengänge der Orchesterbässe übergießen das Ganze mit einem hymnischen Verklärungsschein.

Die Aufnahme, die die Urfassung von 1928 aufgreift – zwischendurch gab es, 1952, eine musikalisch geglättete und textlich noch schwerer zu verdauende Umarbeitung –, macht dem Westdeutschen Rundfunk nicht viel Ehre. Unsaubere Blechbläser, wenig präzise Streicher-Unisoni, undeutliche Chor-Artikulation wie -Intonation und der Einheitsbrei des Mezzoforte über lange Strecken können dem Werk nicht gerade aufhelfen. Aber vielleicht ist die Herausgabe dieser Oper auf der Schallplatte mehr als Erinnerung an den im letzten Jahr verstorbenen Dirigenten Joseph Keilberth gedacht. Bezeichnenderweise spricht denn auch der Plattenhüllentext, der ansonsten nicht einmal eine Inhaltsangabe der Oper, geschweige denn das Libretto enthält, mehr von dem Pfitzner- als dem Hindemith-Dirigenten Keilberth. Heinz Josef Herbort