Von Hellmuth Karasek

Durch die Schnee- und Vampirlandschaft der Karpaten jagt ein Schlitten; der junge Held des Films – Parsifal und Pfiffikus in einem – hat das schöne rothaarige Mädchen aus den Klauen der Blutsauger befreit. Freude überstrahlt sein Jungengesicht. Doch der Zuschauer sieht, wie dem Mädchen Vampirzähne wachsen. Ihre Züge, eben noch die vertraute Mischung aus Sex und Unschuld, verzerren sich. Und plötzlich schlägt sie die Zähne in den Hals des jungen Mannes. "So kam das Böse in die Welt..." Dies die Schlußszene eines Films.

Blick in eine Luxusvilla in Hollywood: Eine hübsche junge Frau, mit einer weißen Schnur um den Hals – am anderen Ende der gleichen Schnur ihr ehemaliger Verlobter, beide ermordet. Sein Kopf mit einer Kapuze überzogen. Spuren von heftigen Kämpfen in der ganzen Luxusvilla. Drei weitere Todesopfer. Und über der Tür, mit Blut geschrieben, das Wort "Schwein". Einen Tag später, in nur zwanzig Kilometer Entfernung, wird ein Ehepaar ermordet aufgefunden. In der Küche steht in blutiger Schrift zu lesen: "Tod den Schweinen."

Vergleicht man jene Filmszene und die Realität von Hollywood, dann könnte man meinen, daß so das Böse von der Leinwand in die Wirklichkeit umstieg. Die grausige Blutsymbolik von Polanskis "Tanz der Vampire" ist von den Karpaten nach Hollywood gereist, Ihr Opfer: Sharon Tate, jenes Mädchen, das dem von Polanski gespielten Helden die Zähne in den Hals schlug. Sharon Tate war im achten Monat schwanger.

Polanskis Film "Rosemaries Baby" hatte Alpträume der Schwangerschaft in die New Yorker Realität von heute eingefilmt. Das Böse war aus den unwirtlichen Karpaten des neunzehnten Jahrhunderts in der luxuriösen Unwirtlichkeit des heutigen New York angekommen.

Die Morde von Hollywood, die alle jene das Grauen und die Phantasie kitzelnden Züge von Ritualverbrechen tragen, scheinen – irrwitziger Zufall – "Drehbücher" zu sein, denen man, ohne zu überlegen, die trade mark Polanski zuordnen würde. Daß das Verbrechen mit seiner Fiktion korrespondiert, ist kein Zufall. Der Tod in der Luxusvilla, die Killer, die lautlos und sachlich über den gepflegten Kiesweg anrollen, kühl ihre Arbeit erledigen – diese "rationale Phase" des Verbrechens hatte Polanski mit seinen Filmen außer Kraft gesetzt.

Auf dem Weg über die Psychologie (im Film "Ekel"), auf der zeitgerechten Woge der wiedererweckten Gothic Novel und des Vampirromans, wo er Ängste des vorigen Jahrhunderts in unsere hygienische Wirklichkeit fahren ließ ("Tanz der Vampire"), hatte sich Polanski bis zu den irrationalen Ängsten vorgearbeitet, die aus netten New Yorker Nachbarn Besessene – Kinder des Satans – machten. Die Verbrechen von Hollywood tragen diese grauenerregenden Züge. Und wie es der Filmemacher Polanski offen läßt, ob der Teufel eine Obsession der Phantasie ist oder glaubhafte Realität – was für das Ergebnis ja auch unwichtig. ist –, so rätseln die Polizei und die Öffentlichkeit an der Bluttat von Hollywood herum: sind die Ritualzüge der fratzenhafte Abdruck des Wahnsinns, oder sind sie raffinierte Tarnung, sollen sie nach kaltblütiger Tat nur die Spuren verwischen?