Von Ernst Weisenfeld

Paris, im August

Die Franc-Abwertung platzte mitten in die große Ferienruhe des August. Er gehört zum Überraschungseffekt, daß auch die Minister – bis auf zwei – noch am 6. August geglaubt hatten, der nächste Ministerrat finde erst wieder Ende des Monats statt und daß sie solange in der großen Urlaubswelle von 21 Millionen Franzosen untertauchen könnten. Zwei Tage später wurden sie dann innerhalb einer Stunde zu einem außerordentlichen Ministerrat einberufen und stimmten in weniger als zwei Stunden den Modalitäten der Abwertung zu, die Staatspräsident, Premierminister, Finanzminister und fünf Beamte, unter ihnen der Gouverneur der Nationalbank, in den letzten drei Wochen ausgearbeitet hatten.

Der Stil verrät das Erbe gaullistischer Kabinettspolitik mit ihren Überraschungen. Die Erklärung des Präsidenten ließ aufhorchen: "Indem wir uns ausschließlich an die Realitäten halten, unsere wirtschaftliche Kraft, die Quelle unserer Unabhängigkeit auf die wahren Gegebenheiten gründen und indem wir den tatsächlichen Wert des Franc zur Kenntnis nehmen ..., praktizieren wir die erste Wahrheits-Operation. Es wird nicht die einzige sein!" Niemand kann Pompidous Worte anders auslegen, denn als eine Absage an die gaullistische Politik der "Grandeur", in der auch der Franc eine Prestige-Position zu verteidigen hatte. Wer noch daran zweifelte, mußte sich zwei Tage später von Pompidou selbst belehren lassen: Der neue Staatspräsident hat die Abwertung seit Juli 1968 für nötig gehalten, während der General sie noch im November als "die schlimmste der Absurditäten" angesehen hatte.

In den ersten sechs Wochen seiner Amtszeit war das neue Regime bemüht, einen Stilwandel zu zeigen. Aber an den politischen Grundlinien der letzten Jahre klammerte es sich fest. Hat nun die Zeit begönnert, in der ein neuer politischer Kurs unvermeidlich wird und die sachlichen Änderungen offen zutage treten müssen? Weiß Paris beispielsweise schon, wie weit sich seine Politik in Zukunft wieder auf die USA und auf die europäischen Nachbarn stützen wird? Man muß sich gewiß hüten, die von Pompidou angekündigten weiteren "Wahrheits-Operationen" für fertige Pläne zu halten. Und immer wird wohl, wie auch diesmal, ein Stück Gaullismus mit einem Stück neuer Erkenntnis verbunden sein.

Mit der Abwertung, die für alle blitzartig den Gesundheitszustand des Landes enthüllte, geht nun auch die innenpolitische Ruhe zu Ende, die den Start des neuen Regimes erleichterte. Aber nicht alle Gegebenheiten des bisher fast euphorischen innerpolitischen Klimas sind damit sofort außer Kraft gesetzt. Die oppositionelle Linke braucht diesmal Jahre, um sich von ihrer Schwäche zu erholen. Die Mitte wartet, soweit sie nicht schon in der Koalition ist, auf eine Gelegenheit, sich der Regierung zu nähern. Einem Teil der Arbeiterschaft sitzt der Mai 1968 noch in den Knochen. Die kommunistische Gewerkschaft braucht nicht erst Massen zu bewegen, um die anderen Gruppen der Linken wieder in das Denkschema der Volksfront zu treiben – sie kommen von selbst. Und soweit die kommunistische Partei als verlängerter Arm Moskaus handelt, dürfte sie ebenfalls keinen Grund sehen, die Zeit des Abwartens gewaltsam zu verkürzen.

Selten war die Bereitschaft, einer neuen Regierung zunächst einmal Zeit zu lassen, so groß und so allgemein. Ein hoher Regierungsbeamter fand dafür diese Erklärung: "Die Franzosen fühlen sich mit Pompidou auf Monate, vielleicht noch auf Jahre durch eine gemeinsame Tat verbunden – durch den Königsmord." Der "Express", der dieses Zitat wiedergab, fand damit viel Zustimmung. Natürlich muß man sich hüten, aus diesem Bonmot zuviel herauszulesen. Aber es gehört inzwischen doch zum allgemeinen Konsensus, daß Pompidou durch seine Bemerkung vom Dezember 1968 in Rom, er stehe für die Nachfolge bereit, auch zur Niederlage de Gaulles beigetragen hat. Dieser Bewertung kann er nicht widersprechen, auch wenn sie ihm, wie er gesagt hat, unangenehm ist. Pompidou ist sich der Tatsache bewußt, daß man von ihm eine andere Politik erwartet.