Sein Platz ist auf die Dauer nicht bei den Gralshütern der reinen (gaullistischen) Lehre, sondern bei denen, die aus der gaullistischen Organisation eine moderne konservativ-liberale Massenpartei machen wollen. Und die Bestimmung einer solchen Partei kann nur sein, die traditionellen, aber ausgehöhlten Gruppen der politischen Mitte aufzusaugen oder dauerhafte Koalitionen mit ihnen zu bilden. Das ist undenkbar ohne einen Kompromiß mit den europäischen Konzeptionen dieser Richtungen. Im gaullistischen Lager riefen diese Tendenzen schon längst die ersten nervösen Reaktionen hervor. Die orthodoxen Anhänger des Generals, die den rechten und linken Flügel bilden, zeigten öffentlich ihr Mißbehagen. Es wurde die Arbeitsgruppe "Presence et action du gaullisme" gegründet. Zur Gallionsfigur dieser Opposition schien sich Verteidigungsminister Debré zu entwickeln.

In diese Entwicklung platzte die Nachricht von der Abwertung. Das Echo bei den Kritikern im gaullistischen Lager entsprach den Erwartungen: soziale Vorwürfe auf dem linken Flügel, der Vorwurf der Schwäche auf dem rechten. Aber Debré schwieg. Er hatte sich offenbar von der Notwendigkeit der Maßnahme überzeugen lassen. Auch die ersten Budgetverhandlungen zwischen seinen Mitarbeitern und denen des Finanzministers verliefen ohne die erwarteten Reibungen. Noch sieht sich also Pompidou nicht einer systematischen und organisierten Opposition innerhalb seiner Mehrheit ausgesetzt.

Die Gewerkschaften und die oppositionelle Linke reagierten scharf auf die Abwertung; einige drohten soziale Explosionen für den September an. Aber das ist eine Sprache, die selbstverständlich stark von taktischen Elementen durchsetzt ist. Was wirklich daraus wird, hängt von mehreren Faktoren ab: vor allem von der Entwicklung der Preise, dann davon, daß die angekündigten "flankierenden Maßnahmen" Vertrauen in die sozialen Maßstäbe der Regierung wecken können. Die Arbeiterschaft hat ein Gespür dafür, daß die Abwertung die Vollbeschäftigung sichern soll. Und wegen der Vollbeschäftigung und der hohen Auftragsbestände sind in der Privatindustrie manche Löhne längst über die Tarifabsprachen hinausgegangen. Das Stiefkind bleibt wieder der öffentliche Dienst. Hier werden die Streiks beginnen.

Es bleibt der innenpolitische Zankapfel der Europapolitik. Die Abwertung ist nicht zuletzt als ein Teil der europäischen Politik der Regierung zu verstehen. Diese Politik gerät nach den deutschen Wahlen in das entscheidende Stadium. Es geht dann für Frankreich um die endgültigen Spielregeln der gemeinsamen Agrarpolitik, und die Regierung weiß, daß sie sich Gegenforderungen – Englands Beitritt und der übernational: Charakter der Gemeinschaft – zu stellen haben wird. Der Kompromiß wird schwierig werden – nicht nur wegen Pompidous begrenztem innerpolitischem Spielraum, sondern auch wegen seiner eigenen Vorstellungen. Um diese Zeit wird aber wahrscheinlich auch noch eine internationale Währungsdiskussion beginnen.

In Paris jedenfalls rechnet man fest damit, daß noch einmal der Versuch gemacht wird, die Deutschen zur Aufwertung zu bewegen. Man ist sich auch einig darüber, daß jede Diskussion dieser Art eine neue Spekulationswelle auslöst, die den Franc erfassen muß, wenn er bis dahin nicht gesünder geworden ist. In diesem Punkt geht hier das allgemeine Einverständnis am weitesten. Was aber die Regierung vor allem beschäftigt, ist die Überlegung, daß durch eine solche Spekulationswelle gegen einen überhöhten Franc-Kurs nicht nur ihre Finanz-, sondern ihr; ganze Europapolitik erheblich geschwächt würde

Wenn sich diese Ansicht ausbreitet, wird die innenpolitische Bereitschaft wachsen, die Abwertung für eine vernünftige Maßnahme zu halten. Denn die Europapolitik liegt vielen, auch bei den Gewerkschaften, am Herzen. Sicher beginnt dann noch eine Auseinandersetzung um die Ziele der französischen Europapolitik. Pompidous Ausgangsposition für diesen Disput ist nach dem Beschluß über die Abwertung besser als zuvor.

Bis jetzt jedenfalls hat sich die Abwertung allein wegen des vollkommenen Überraschungseffekts und des günstigen Augenblicks als ein gelungener Wurf erwiesen. Aber erst dann, wenn die Regierung ihre Währungspolitik solange durchhalten kann, bis sie in die großen Europa-Verhandlungen kommt – erst dann wird sich zeigen, ob es ein Meisterschuß gewesen ist. Das Regime Pompidou konnte nicht mit einem größeren Risiko, aber auch nicht mit größeren Erfolgsaussichten beginnen.