Von Iring Fetscher

Professor Dr. Iring Fetscher ist Ordinarius für Philosophie und Politische Wissenschaft an der Universität Frankfurt.

Seine Augen sahen zuviel, um ihn zufrieden, ruhig, still werden zu lassen. Er konnte sich aufregen und hatte doch nichts von Aufgeregtheit an sich. Er litt und vermochte doch seine Klage in scharfe, analytische Erkenntnis zu verwandeln. Er liebte und wußte doch, wie hoffnungslos seine Liebe – seine Liebe zu den Möglichkeiten des Menschen – war.

Dem hochbegabten Kind aus bürgerlich-jüdischem Hause begegnete früh Einsamkeit, Not und Verzweiflung – nicht materielle Leiden, mit denen er gleichwohl mitzuempfinden wußte, sondern die des Geistes, der Seele. Vom verwandten Denken eines Walter Benjamin angezogen, mit immer neuen Sehgläsern der Marxschen, der Freudschen, der philosophischen Kritik ausgerüstet, entwickelte er sich zum schärfsten Kritiker der Spätphase bürgerlicher Kultur. Während Ernst Bloch die Hoffnung beschwor und erneuerte, die einst im Denken, künstlerischen Produzieren und Planen des aufsteigenden Bürgertums enthalten gewesen war, erneuerte Adorno vor allem auch das Gedächtnis an dessen Verrat und Versagen. Er wollte sich und anderen nichts vormachen.

Er empfand die Beschwörung von Hoffnung als fragwürdig, erst recht allerdings die selbstgenießerische Angst vorm Tod als genüßlichen Verrat. War er tapfer? Wenn Tapferkeit heißt, angesichts der Gefahr dennoch weiterzugehen, muß er es wohl gewesen sein. In keine Illusion konnte flüchten, der den Verrat an der revolutionären Bewegung bei den Revisionisten ebenso deutlich sah wie deren brutale Degeneration zu neuer Herrschaft bei den "Orthodoxen".

Die Zuflucht zur Ewigkeit religiöser Glaubensvorstellungen war dem Nachfahren der Aufklärung ebenso versagt wie das Asyl metaphysischer Absolutheit.

Wo war er zu Hause? Bei einer Hoffnung ohne Gewißheit, bei einem Versprechen von Menschlichkeit, dem er allein die Treue zu halten entschlossen war, wie wenige oder wie viele ihm immer zu folgen schienen.