Von Hellmuth Karasek

Ein damals junger Lyriker schrieb 1924 den Vierzeiler: "Dies aber ist der Wallfahrt Schluß / und mit ihr meines Lebens Wende: / Ich weiß es: Ignorabimus – / der Weg zu Gott ist ohne Ende." Mit diesem Wissen um das Ignorabimus war zwar der Weg des Lyrikers, wie man absehen konnte, rascher als der zu Gott zu Ende, nicht aber die Wenden im Leben des Autors. Er wurde, nach seinen eigenen Worten, "Hilfsarbeiter", und zwar 1941 im Auswärtigen Amt. Hier ziert Bescheidenheit den braven Mann, denn die Berufsbezeichnung "Hilfsarbeiter" ist ein gewinnendes Understatement, hält man sich vor Augen, daß sie unter anderem folgende Funktionen modest untertreibt: "Stellvertretender Abteilungsleiter der Rundfunkpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes; Leiter des Hauptreferats Rundfunkeinsatz; Leiter des Hauptreferats Allgemeine Propaganda; Politischer Koordinator der Ost-Propaganda des Rundfunks." Kein Wunder, daß die Erinnerung solche nur als "Hilfsarbeiter" verbrachten Jahre vergoldet: "Diese Jahre", so erinnert sich im Jahr 1960 der ehemalige Dichter und spätere Angehörige des Proletariats im AA, "waren die schönsten meines Lebens. Ich habe viel daraus mitgenommen ... eben diese Wahrheit, daß man sein Wissen Schicht auf Schicht legen muß."

Manche Kernsätze und Grunderkenntnisse dieses Schicht um Schicht aufgelegten Wissens werden jetzt in einem Buch greif- und nachvollziehbar. Denn der Autor, der nach eigenem Bekenntnis "ein deutscher Dichter werden" wollte, ist, was in unserem Lande selten für eine lyrische Begabung sein dürfte, Kanzler geworden. Für seine lyrische Produktion ein nicht allzu umwälzender Vorgang, denn noch 1967 reimte er aufeinander "blind" und "geschwind", "Wein" und "fein", "Trank" und "Dank". Ignorabimus, möchte man seufzen und in dem Buch

"Ich wollte ein deutscher Dichter werden" – Kiesingers Worte an die Nation, gesammelt von Otto Köhler; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 80 S., 4,80 DM

sich mehr den Schichten der politischen Weisheit zuwenden. Da findet man die Erläuterungen staatsmännischen Tuns und Treibens: "Schauen S’, das ist doch so: Es ist uns gegangen wie dem Hausvater. Der war auch optimistisch und hat gedacht, es wird halt jedes Jahr wieder etwas mehr. Mehr Gehalt, mehr Weihnachtsgratifikation, wir kennen das ja. Und da hat er gekauft, auf Abzahlung. Nun hat er eine Wohnung voll schöner Dinge, nützlicher Dinge, gewiß, aber er kann plötzlich die Raten nicht mehr zahlen. Ganz ähnlich ergeht es uns jetzt im Bund. Und nun ist guter Rat teuer."

Zwischenfrage: wer hat eigentlich das Gerücht in Umlauf gesetzt, daß wir mit Kiesinger doch immerhin einen schöngeistigen, hochgebildeten Kanzler hätten? Vielleicht Bruno Heck, der über den Kanzler lobhudelte: "Nichts an ihm rechtfertigt einen Gedanken an Ruhestand. Seine Rede ist eher noch zwingender, sein Stil noch gelassener, seine Führungskunst noch geschmeidiger geworden ... Zeiten des Wandels sind Zeiten großer Persönlichkeiten, die fest genug in sich ruhen ... Wieviel Erfahrung, wieviel Klugheit konnte einer in dieser Zeit sammeln, dem schon die frühesten Zeugnisse eine außergewöhnliche Intelligenz zuschreiben ..." Na, und so fort.

Ob Kiesinger, noch Baden-Württembergischer Ministerpräsident, sich verpflichtet fühlt, einem Professor "auf die Finger zu klopfen", weil dieser Atheist ist, dagegen Kiesinger, wie er es nennt, "ein christlicher Politiker"; ob Kiesinger, schon Kanzler, aus dem Munde eines Unternehmers in seiner Heimat stolz zitiert: "Aber eines, Herr Bundeskanzler, muß ich Ihnen sagen, die jungen Arbeiter, die aus der Bundeswehr zurückkehren, die sind in Ordnung, das sind prächtige Kerle, und viele von ihnen haben sich in dieser Zeit völlig gewandelt", oder ob er Fragen, die ihm im Bundestag gestellt werden, nur vor einer höheren Instanz – nein, nicht der der Vorsehung – beantworten will: .. die ich nicht Ihnen, sondern einem größeren Examinator, dem Examinator der Weltgeschichte, beantworten werde" – stets verbindet sich hochgestochenes Blabla mit rührseliger Serenissimus-Preisung der properen, biederen Untertanen, stets schimmert durch die beschworene, schon an kränkelnden Sprachbildern sich verratende Idylle die Pose des starken Mannes, der von Demokratie redet, aber in seinen Sprüchen immer wieder ausplaudert, daß er es am liebsten hätte, wenn die einfachen Leute in Hab-acht-Stellung geläutert durch Bundeswehrdienst vor ihren Unternehmern stünden.