Von Egon Kaskeline

Wie konnte innerhalb von nur neun Monaten aus der .schlimmsten Absurdität’ eine ,Selbstverständlichkeit‘ und eine ‚vernünftige Maßnahme‘ werden", wunderte sich die französische Zeitung Le Monde nach der gelungenen Überraschung, die Frankreichs Staatspräsident am vergangenen Wochenende aller Welt mit der Abwertung des Franc bereitet hatte. Georges Pompidou überließ es seinen Mitbürgern und dem Ausland, sich selber eine Antwort auf diese Frage zu geben, und fuhr in Urlaub.

Doch der Erbe de Gaulles kann sich in seinem Ferienort Bregancon am Mittelmeer nicht einfach auf seinen Lorbeeren ausruhen. Er muß die Ferien nutzen, um Kraft für neue Entscheidungen und harte Auseinandersetzungen zu schöpfen, denn der überraschende Griff in die Trickkiste der Währungspolitik hat die französische Wirtschaft keineswegs über Nacht von allen ihren Sorgen befreit. Mit der dreizehnten Abwertung des Franc in diesem Jahrhundert ist bestenfalls ein Anfang für die Sanierung des immer noch unter den Folgen der Mai-Unruhen des Jahres 1968 leidenden Landes gemacht worden

Die kommunistische Gewerkschaft CGT reagierte auf die Abwertung sofort mit der Drohung, sie werde alle Kampfmittel einsetzen, um die "antisoziale Offensive" der gaullistischen Regierung zum Scheitern zu bringen. Andere Gewerkschaftsführer beeilten sich, ebenfalls eine Verschärfung des Lohnkampfes anzukündigen.

Während die national gesinnte Zeitung L’Aurore die "demütigende Abwertung" beklagt, schimpft die kommunistische L’Humanité: "Einmal mehr hat uns die Regierung belogen. Pompidou log, als er sich während des Wahlkampfes als Vorkämpfer für den französischen Wohlstand präsentierte. Chaban-Delmas log, als er... versicherte, daß der Franc verteidigt würde und daß es keine Abwertung gäbe." Der linksgerichtete Combat dagegen erkennt an, daß "die neue Regierung den Mut und die Ehrlichkeit gehabt hat, der Realität eines Frankreichs, das zu lange über seine Mittel gelebt hat, ins Gesicht zu sehen. Pompidou hat den Kopf nicht in den Sand gesteckt... Die Abwertung bedeutet nichts anderes als die Anpassung unserer Währung an ihren echten Wert".

Die Abwertung kann der französischen Wirtschaft höchstens eine Atempause bringen und dadurch die Lösung der wirtschaftlichen Probleme erleichtern. Die jüngste Operation am Franc läßt sich mit der Abwertung von 1958, der eine lange Periode wirtschaftlicher Stabilität in Frankreich folgte, kaum vergleichen. Der damalige Währungsschnitt fiel in das Geburtsjahr des Gemeinsamen Marktes in Europa und war von einer liberalen Außenhandelspolitik und einer anhaltenden, kräftigen Wirtschaftsexpansion begleitet.

Heute dagegen fürchten viele Beobachter einen Rückfall Frankreichs in die Sünden seiner langen protektionistischen Vergangenheit. Nach 1958 konnte Finanzminister Antoine Pinay eine rücksichtslose Anti-Inflationspolitik durchsetzen und damit den schwindsüchtigen Franc stabilisieren. Heute dagegen muß sein Nachfolger Giscard d’Estaing alles vermeiden, was neue soziale Unruhen und eine Wiederholung der Mai-Krise provozieren könnte.