"Nixon in Miami und die Belagerung von Chicago", von Norman Mailer. Der Titel könnte vermuten lassen, hier würden Aktualitäten von gestern offeriert. Doch Mailers Darstellungen der vorjährigen Parteitage der Republikaner und Demokraten, auf denen Nixon und Humphrey als Präsidentschaftskandidaten nominiert wurden, sind weit mehr als nur Tagesberichte. Die Conventions erscheinen vor dem Hintergrund und als Manifestationen all der Erschütterungen und Krisen, mit denen das heutige Amerika lebt. Der besondere Aspekt dieser weitausgreifenden, in zahlreichen Momentaufnahmen ungemein erhellenden Berichte ergibt sich daraus, daß der Berichterstatter als Beteiligter und Betroffener reagiert. Man erfährt nicht nur, was (und warum es) geschieht, sondern auch, was im Vermittler beim Registrieren der Geschehnisse, bei seinen Begegnungen mit den Akteuren vorgeht. Ehrlich gegenüber sich selber, verschweigt Mailer seine Augenblickseindrücke auch dann nicht, wenn sie nicht in sein Konzept passen, doch nie vergißt er, emotional Erfaßtes zu reflektieren. Sein Spürsinn für das Signifikante, seine Begabung, Beobachtetes im Wort anschaulich zu machen, vor allem aber seine Fähigkeit, sich selber als exemplarischen Zeitgenossen, als Indikator der "atmosphärischen" Schwingungen und Störungen in den Bericht einzusetzen, ermöglichen es dem Leser, amerikanische Gegenwart sozusagen von innen zu erleben. Mit diesen Arbeiten hat der "neue Mailer" die Probe auf sein eigenes Exempel einer Synthese von Literatur und Geschichtsschreibung, den grandiosen Roman-Bericht über den Marsch aufs Pentagon, "Heere in der Nacht", geliefert, (rororo-aktuell 1221/1222, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 246 S., 3,80 DM) Wolfgang Werth

"Poesie impure", Gedichte von Pablo Neruda, aus dem Spanischen von Hans Magnus Enzensberger. Während des spanischen Bürgerkrieges, in dem er zusammen mit Aragon, Ehrenburg und Hemingway gegen den Faschismus kämpfte, erkannte Pablo Neruda, daß "das Verbrechen auf dem Thron, nicht beim einfachen Volk zu suchen ist". Aus dem bislang dreißigbändigen Gedichtwerk des inzwischen fünfundsechzigjährigen chilenischen Lyrikers, dem seit dem Tod César Vallejos "die mächtigste Stimme der lateinamerikanischen Poesie" gehört (Enzensberger), war in der Bundesrepublik 1967 bei Luchterhand eine zweibändige, kostspielige Ausgabe erschienen, die laut Klappentext "in kundiger Auswahl", laut Inhalt in kundigem Aussparen provokativ sozialistischer Verse Dichtungen des Kommunisten Neruda aus den Jahren 1919 bis 1965 vereinigte. Der nun vorliegende Auswahlband "Poesie impure" ist zweisprachig und kontrollierbar, die Ubersetzungen der vor allem dem Frühwerk Nerudas Residencia en la tierra" ("Aufenthalt auf Erden") entnommenen Gedichte stammen erstmals nicht von Erich Arendt, sondern von Enzensberger und zeigen erhebliche interessante Abweichungen in der Interpretation. Schließlich enthält der Band ein bei uns bisher unveröffentlichtes Traktat Nerudas über eine, nämlich seine "Poesie impure": eine Dichtung, "unrein wie ein Anzug, wie ein Körper", "verwüstet von der Mühe der Hände... eine Dichtung, die nach Urin und nach weißen Lilien riecht, eine Dichtung, in der eine jede Verrichtung des Menschen, erlaubt oder verboten, ihre Spuren hinterlassen hat". (Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 140 S., 20,– DM)

Christel Buschmann

"Ausgewählte Gedichte" von João Cabral de Melo Neto. Neben dem älteren Manuel Bandeira und Carlos Drummond de Andrade zählt Cabral de Melo Neto zu den besten modernen Dichtern Brasiliens. Über das in Mode gekommene metaphorische. Überschwang-Poem urteilte er: "Ein Mischling aus innerem Monolog und Grundsatzbekenntnis, aus Gestammel und philosophischer Deutung...; diese Art von Poemen wurden ohne Beachtung ihrer möglichen sozialen Funktion erzeugt, nämlich der Mitteilung." Dagegen sind bei ihm Aufbau und System des künstlerischen Materials so einprägsam erarbeitet wie vergleichsweise in den Bildern von Le Corbusier, den er sehr schätzt. Diese Ordnung in den Gedichten wirkt nie streng, sondern meistens spielerisch-heiter; ob Flüsse und Städte im Nordosten Brasiliens, ob Landarbeiter oder Slumbewohner, ob Zuckerrohrfelder oder Meer – ein gelassener Ton, fern dem lyrischen Aufruhr, herrscht vor. In "Erziehung durch den Stein" sucht er "seine unpathetische, unpersönliche Stimme einzufangen / ...die der Poetik, seine konkrete Fleischigkeit, / die der Ökonomie, sein kompaktes Sich-Verdichten: / Lehren des Steins (von außen nach innen, / stumme Fibel) für den, der sie buchstabieren will". In "Psychologie der Komposition" wird "die Form erzielt / wie das Ende des Knäuels / den die Aufmerksamkeit / langsam entrollt". Der Übersetzer Curt Meyer-Clason versah die 32 Gedichte (einige sind Fragmente längerer Arbeiten) mit einem ausführlichen Nachwort. Gern hätte man, wie in seiner Drummond-de-Andrade-Auswahl, den brasilianischen Text gegenübergestellt gesehen. (edition suhrkamp 295, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 143 S., 3,– DM)

Germán Kratochwil