/ Von Sinah Waiden

Was macht der Meyer am Himalaya – wenn er ein Kulturbedürfnis verspürt? Wenn er, von rituellen Cocktailpartys angeödet, von Zweifeln am Wert seiner Entwicklungshilfe irritiert, von der Stümperei in fremden Sprachen ermattet, nach geistiger Nahrung verlangt? Ein deutscher Sahib, den es im Dienst seiner Firma oder seiner Republik auf den indischen Subkontinent verschlagen hat, ist Erbe eines wohlkonservierten Kolonialstils. Gewöhnlich verfügt er über ein Haus, einen Diener nebst Unterdienern, eine Gattin, die dem Hause vorsteht, und ein erfreuliches Einkommen. Seltener schon über einen ausreichenden Bücherbestand. Organisationsschwierigkeiten gibt es auch mit geistigen Getränken. Vor allem aber, sagt er, entbehrt er das, was in der fernen Heimat so in Verruf geraten ist: das Theater. Er ist schließlich kein Kulturrevolutionär. Dazu fehlen auch wahrhaftig alle Voraussetzungen. In Kabul etwa ist man begreiflicherweise schon dankbar, wenn "eine gediegene Verfilmung des Romans von Thomas Mann, der den Verfall einer hanseatischen Patrizierfamilie des 19. Jahrhunderts darstellt", gezeigt wird. Wenn so das Botschaftsbulletin der Bundesrepublik lockt, fällt manchem ein, daß er "Die Buddenbrooks" noch nie gelesen hat, und das Goethe-Institut füllt sich bis auf den letzten Platz.

Ob Theater oder sonstiger Kulturservice – das einheimische Angebot eines Landes wie Pakistan, Afghanistan, Nepal ist schnell erschöpft. Gelegentlich kramt der hier lebende Europäer noch wie ein Tourist auf dem Bazar nach Kunsthandwerk, sonst entzieht er sich dem orientalischen Treiben. Nur die langgezogenen Halbtöne einer volkstümlichen Sängerin dringen stets von irgendwoher an sein Ohr. Dazu ein paar Museen, ein paar Moscheen, viel mehr ist es nicht, was er von asiatischer Kultur hört und sieht. In den meisten Fällen ist der Sahib ohnehin hergekommen, um die eigene zu bringen, in Gestalt ihres Endprodukts, der technischen Zivilisation.

Es gibt freilich auch solche, die islamische Mystik studieren oder nepalische Hindutempel vor dem Verfall zu retten suchen, Kenner und Liebhaber, die das europäische Angebot nicht vermissen. Und noch unabhängiger sind die Hippies, die auf der Suche nach Rausch, Ekstase, Versenkung dem westlichen way of life die Absage erteilt haben und die Wallfahrt nach Asien antreten. Es werden von Jahr zu Jahr mehr. In Nepal zählte man (nach welchen Kriterien wohl?) im letzten Jahr 9002 – in diesem Jahr rechnet die Regierung mit 15 000 (und zwei?). Einen traf ich in einem romantisch verwahrlosten, von lila Blüten überwucherten Garten in Katmandu vor der städtischen Bibliothek. "Oh", erklärte er mit leuchtenden Augen, "sie haben so wunderbare Bücher über Okkultismus."

Für den durchschnittlich interessierten Europäer scheitert das Eindringen in die Kultur des Gastlandes bereits an der Sprachbarriere. Wer entschließt sich schon, wenn er zwei Jahre bleibt, Urdu, Pashtu, Pandschabi, Sindhi, Dari, Bengali, Nepali oder sonst eine der vielhundert Sprachen zu lernen? Da es kaum Übersetzungen gibt, ist dem Fremden die Literatur praktisch verschlossen. Noch größere Schwierigkeiten bereitet die Tatsache, daß asiatische Kulturen in keiner ihrer Manifestationen von der jeweiligen Religion zu trennen sind und damit einen anderen Horizont voraussetzen. Kunst als autonomer Bereich ist kaum vorhanden. Religion aber ist nicht erlernbar. Um wirklich zu "verstehen", müßte der Westler seine Bedingtheiten abwerfen können und wollen, das heißt seine Identität, und das gelingt nicht einmal den Hippies. So fühlt sich auch der Gutwillige auf uraltem Kulturboden in kultureller Leere.

Wo sich die drei Länder, von denen die Rede ist, um säkulare, "moderne", sprich abendländische Kunstformen bemühen, bleibt das Ergebnis – aus einsehbaren Gründen – bescheiden. Ihre Hauptstädte sind insoweit provinziell. In Katmandu gibt es, wenn ich mich nicht irre, nicht einmal ein Kino. Hier sollen neben Buddha noch 30 Millionen Götter leben, für Westlich-Weltliches bleibt da wenig Raum.