Von Joachim Nawrocki

Berlin, im August

Ungeachtet aller früheren Bemühungen zur "Abschaffung der Justiz" hat sich die Außerparlamentarische Opposition an das Berliner Verwaltungsgericht gewandt. Der Anlaß: Der West-Berliner Senat hatte eine Demonstration der APO für den letzten Freitag – gegen den Abtransport von Deserteuren in die Bundesrepublik – verboten, von der er mit einigem Grund eine Wiederholung der Ausschreitungen befürchtete, die eine Woche zuvor die Innenstadt in ein Chaos gestürzt hatten.

Aber die Mehrheit der APO ist, so scheint es, in sich gegangen. Einer ihrer Vertreter versicherte dem Gericht, daß sich bei der APO die Erkenntnis durchsetze, eine Eskalation der Gewaltanwendung werde ihren Zielen nur schaden. Daraufhin setzte das Gericht das Demonstrationsrecht über die Befürchtung der politischen Führung West-Berlins und traf eine salomonische Entscheidung: Die Demonstration durfte stattfinden, aber es mußten hundert Ordner bereitgestellt werden, es durfte nur eine Straßenseite benutzt werden, Sitzstreiks und Transparente beleidigenden Inhalts wurden untersagt.

Am Freitagabend ereignete sich dann folgendes: Die Demonstranten versammeln sich am ehemaligen Joachimsthalschen Gymnasium, in dem jetzt das Konservatorium untergebracht ist. Das Bundeshaus gegenüber ist abgesperrt, auf allen Parkplätzen der Umgebung sind starke Polizeieinheiten versammelt. Etliche junge Leute tragen dünne rote Bändchen um den Arm: die Ordner. Einige haben Sanitätstaschen mit blauen Kreuzen. Wer vor dem Bundeshaus steht, wird auf die andere Straßenseite geschickt. "Ausgangspunkt ist drüben, wollen Sie bitte ’rübergehen", sagt ein Polizeioffizier, und dann, zu seinen Leuten: "Achtet doch mal ’n bißchen auf den Knecht da mit ’m roten Helm."

Allmählich füllt sich der Platz. Ein Transparent mit der Aufschrift "Neubauer muß weg" taucht auf, später noch weitere. "Neubauer muß weg ist nicht beleidigend", stellt der Polizeioffizier fest. Großen Beifall gibt es, als am Fahnenmast vor dem Konservatorium eine rote Fahne hochgeht. Dann spricht jemand durch ein Megaphon: Man wolle die Machenschaften des Senats aufdecken. Der Sprecher fordert seine Genossen auf, sich nicht von der Polizei provozieren zu lassen. Danach spricht das Mitglied von Mahlers "sozialistischem Anwaltskollektiv", Eschen. Zur endgültigen Entscheidung der drei Westalliierten über die Behandlung der in Berlin befindlichen Deserteure sagt er, diese Entscheidung habe die Drei-Staaten-Theorie bestätigt: die Begründung von Eschen klingt etwas kraus. Obwohl die Alliierten entschieden haben, Deserteure dürften weiter aus Berlin ausgeflogen werden, meint Eschen, die Rechtsauffassung der APO habe sich durchgesetzt. Also brauche man den Kampf nicht mehr in der alten Form fortzusetzen, sondern müsse ihn in die Bundesrepublik verlagern und dort gegen die weitere Faschisierung kämpfen. Es klingt wie Rückzug.

Schließlich spricht Wolfgang Rössing, der – unrechtmäßig – vorübergehend wegen Fahnenflucht inhaftiert war, obwohl er seit längerem einen Berliner Personalausweis besitzt. Im Gefängnis, sagt er, habe man ihn normal behandelt. Die Demonstration vor dem Gefängnis habe den inhaftierten Wehrunwilligen Mut gemacht allerdings habe man nicht viel davon gehört, denn entgegen sonstigen Gepflogenheiten habe die Gefängnisleitung Beat-Musik übertragen, und die meisten Häftlinge hätten sich manipulieren lassen und dazu getanzt.