Eine hauchdünne Mehrheit im amerikanischen Senat für das von Präsident Nixon geforderte Raketenabwehrsystem Safeguard hat den bisher größten Kampf in den Vereinigten Staaten um eine Frage der nationalen Sicherheit entschieden. Die Opposition von fünfzig der hunden Senatoren gegen die Antirakete stellt ein einzigartiges Phänomen dar und ließ die Abstimmung in mehrfacher Hinsicht zu einem tiefen Einschnitt werden:

Erstens: Die Ermächtigung zum ersten Schritt beim Aufbau eines Raketenabwehrgürtels (ABM) ist, wenn auch noch in bescheidenen Ansätzen, eine qualitative Veränderung des strategischen Gleichgewichts zwischen den beiden Weltmächten. Ob ihre bisher stabilisierend wirkende Fähigkeit zur wechselseitigen Abschreckung hierdurch eines Tages beeinträchtigt wird, hängt vom Fortgang dieses Projekts ab, über den der Kongreß alljährlich entscheiden will. Schon der jetzt gefallene Beschluß ist indessen ein weiteres Zeichen dafür, daß ein neuer Rüstungswettlauf in vollem Gange ist.

Zweitens: Nixon kann nun bei den vorgesehenen Gesprächen zwischen den Supermächten über eine Begrenzung der Raketenarsenale die Antirakete, die Sowjetrußland schon besitzt, in den Dialog einbeziehen; er befindet sich in einer vorteilhafteren Verhandlungsposition als zuvor. Moskau begleitete die Senatsdebatte mit dem Vorwurf, daß die USA die Rüstungsspirale aufs neue in Bewegung gebracht hätten, schwieg sich aber über seine Verhandlungsbereitschaft aus. Washington rechnet indessen mehr dann je mit einer festen Zusage zu einem ersten Gesprächstermin.

Drittens: Zum erstenmal hing die Bewilligung eines militärischen Großprojektes an einem seidenen Faden. Vorbei ist die Zeit, in der die Senatoren alle Wünsche des Pentagons fast unbesehen erfüllten. Die Rebellion gegen den "militärisch-industriellen" Komplex in Amerika hat seinen bisherigen Höhepunkt erreicht. Auch dort, wo das Trauma vom Bündnis der Militärs mit der Industrie sich noch nicht ausgebreitet hat, wächst der Unwille über die astronomischen Ausgaben für die äußere Sicherheit und ihren absoluten Vorrang vor der Lösung der inneren gesellschaftlichen Probleme. Die Abstimmung im Senat erhält dadurch den symbolischen Charakter einer sich verändernden Wertordnung für die Prioritäten amerikanischer Politik.

Das rasch um sich greifende Verlangen, die militärischen Einflüsse auf die Politik zu bändigen, gab den wichtigsten Anstoß zu der ideologischen Übersteigerung der Kampagne für und wider die Antirakete. Mögen dabei auch machtpolitische Erwägungen der Opponenten – um die Position des Präsidenten zu schwächen – oder die Befürchtung, die Rüstungsverhandlungen mit den Russen würden gefährdet, eine bedeutsame Rolle mitgespielt haben: Gespaltet hat die Nation die Sorge, daß es nicht nur bei der ersten Rate für Safeguard in Höhe von 759 Millionen Dollar bleibt und auch nicht bei den elf Milliarden Dollar, auf die das Gesamtprojekt geschätzt wird, sondern die unaufhaltsame Sucht nach technologischer Vollkommenheit ein Vielfaches an Kosten heraufbeschwört.

Dieses inneramerikanische Erscheinungsbild steht freilich in einem krassen und verwirrenden Gegensatz zu der Bedeutung, die dem Senatsbeschluß realiter für den Rüstungsdialog mit der Sowjetunion beigemessen werden muß. Die Sowjets besitzen bereits ein bescheidenes Raketenabwehrsystem, das Moskau schützt und das offenbar nicht weiter ausgebaut werden soll. Chinas wegen begreift Washington dieses Sicherheitsbedürfnis und will es respektieren. Die amerikanische Absicht, mit den Sowjets gleichzuziehen, ist vorerst nur verhandlungstaktischer Natur. Sie läßt freilich die Möglichkeit offen, sich wegen der vielen Unwägbarkeiten künftigen Erfordernissen ohne Zeitverlust anzupassen.

Da beide Seiten noch in den Anfängen der Entwicklung stecken, könnten sie ihre Verhandlungsrunde mit der Überlegung beginnen, wie sie ihre Abwehrsysteme auf einem niedrigen Niveau einfrieren. Hingegen besteht die wirkliche Gefahr eines gigantischen Rüstungswettlaufs unverändert darin, daß die Supermächte durch die technische Weiterentwicklung der Raketen mit mehrfachen Sprengköpfen, die einzeln und voneinander unabhängig auf verschiedene Ziele gelenkt werden können (MIRV’s), schon bald eine neue Ebene wahnwitziger Zerstörungskraft erreichen. Sie könnte solche Ausmaße erreichen, daß ein Angreifer nicht mehr das Risiko eingehen muß, anschließend selbst ausgelöscht zu werden: Er könnte durch einen Überraschungsangriff die gegnerischen Vergeltungskräfte weitgehend vernichten und sich gegen den unversehrt gebliebenen Rest sogar durch ein umfangreiches Raketenabwehrsystem schützen.