In einer denkwürdigen Abstimmung hat der US-Senat vorige Woche die Pläne der Regierung Nixon über den Aufbau des Antiraketensystems "Safeguard" mit 51 gegen 50 Stimmen gebilligt; Damit hat der Präsident eine auch innenpolitisch wichtige Runde in der Auseinandersetzung mit der liberalen Opposition im Kongreß knapp gewonnen. Ob die Entscheidung zugunsten der "Anti-Ballistic-Missiles" (ABM) eine erneute Beschleunigung des nuklearen Wettrüstens herbeiführen oder die Sowjets bereiter machen wird, alsbald in Gespräche über eine Begrenzung strategischer Waffen (SALT) einzutreten, ist noch nicht abzusehen.

Das "Safeguard"-System ähnelt den Plänen, die Verteidigungsminister Robert McNamara noch unter dem Nixon-Vorgänger Johnson im September 1967 öffentlich entwickelt hatte: Im Widerspruch zu seiner früheren Opposition gegen jede Art von Anti-Raketen-Raketen forderte McNamara damals einen "dünnen" ABM-Schild ("Sentinel") zum Schutz der wichtigsten Bevölkerungszentren gegen einen nuklearen Überraschungsangriff der Chinesen und zum Schutz der eigenen Raketenstellungen.

Die chinesische Komponente wurde inzwischen fallengelassen. Nach einer Entscheidung Nixons vom März sollen die rund 350 bis 400 Abfangraketen vom Typ "Spartan" (Reichweite: 400 bis 600 Kilometer) und "Sprint" (Reichweite: 30 bis 40 Kilometer) mehrere gehärteten "Minuteman"-Silos, die wichtigsten Flugplätze des strategischen Bomberkommandos sowie die erforderlichen Kommando- und Kontrollzentralen gegen sowjetische Atomschläge abdecken und dadurch die Vergeltungskraft der Amerikaner erhalten. Kostenpunkt des "Safeguard"-Systems, dessen weiterer Ausbau jedes Jahr überprüft werden soll: elf Milliarden Dollar.

Neben außenpolitischen und strategischen Bedenken befürchtete der Senat freilich, daß das Pentagon seinen Kostenvoranschlag möglicherweise nicht einhalten kann. Ein Antrag der republikanischen Senatorin Margret Ch. Smith, die Bewilligung von Geldern für jede Art von ABM zu verweigern, wurde mit 89 zu 11 Stimmen abgelehnt.

Das gleiche Schicksal widerfuhr dem überparteilichen Antrag der Senatoren Cooper (Republikaner) und Hart (Demokraten), um den es in der fünfwöchigen Debatte immer wieder gegangen war: Verbot der Errichtung des Systems, aber Zulassung von Forschung und Prototypenentwicklung. Danach konnte die Regierung ihren Antrag durchbringen: Mit dem Aufbau von Computern, Radarschirmen und Silos des "Safeguard"-Systems wird 1970 begonnen, die erste Kreditrate beträgt rund drei Milliarden Mark.