Von Ulrich Kaiser

In der netten Pension am Mittelweg, nur ein paar hundert Meter entfernt vom Eingang zu „dem Club an der Alster“, vollzog sich jeden Morgen, fast mit ritueller Regelmäßigkeit, der gleiche Auftritt. Da saßen zunächst zwei junge Männer am Tisch des im Parterre gelegenen Frühstücksraums, löffelten ihr Ei, studierten dabei mit besonderem Interesse den Sportteil der Zeitungen. Gesprochen wurde so gut wie nichts. Der Blonde war meistens etwas früher fertig und verschwand dann schnell, der andere blätterte weiter. Hans Joachim Plötz ist deutscher Tennismeister – bei den internationalen Titelkämpfen am Rothenbaum war er in der zweiten Runde ausgeschieden. Er hatte also wirklich keinen besonderen Grund, gute Laune zu haben. „Ich muß nun Pause machen“, murmelte er einmal, dieserhalb angesprochen. Wenig später revidierte er sein Vorhaben: „Im September/Oktober sind in England acht Hallenturniere. Da will ich hin!“

Später erschienen dann in bunten Hemden und manchmal knielangen, karierten Bermudashorts zwei Hünen, gegen die die beiden deutschen Sportler wie Halbwüchsige wirkten, beide Australier. Tony Roche und Owen Davidson bestellten riesige Portionen Rühreier, eine Kanne Tee, viel Brot. Wenn sie reinkamen, sagten sie „Heih“, und wenn sie gingen, „see you“. Roche hatte manchmal eine Zeitung, die die Pferderennen notiert, und schüttelte dann hin und wieder den Kopf. Am Tag, da das Endspiel stattfand, in dem er gegen den Holländer Tom Okker zu spielen hatte, wäre es fast zu einem Gespräch gekommen: „Der Kerl hat gut gespielt gestern!“ Er meinte wohl seinen Gegner. Aber dann schaufelte er wieder Rührei. Tony Roche kommt aus Taracutta in Neusüdwales, wo sein Vater eine Metzgerei betreibt.

Anschließend marschierten sie zur Arbeit, die daraus besteht, einen filzumspannten Ball möglichst kunstgerecht übers Netz zu schlagen. Sie verabschiedeten sich – wie gesagt – mit jenem „bis später“. Im gleichen Tonfall tut es wahrscheinlich zu Hause in Taracutta Vater Roche, wenn er zum Schlachthof fährt.

Das Clubhaus zwischen Mittelweg und Rothenbaumchaussee, wo sie die Zeit zwischen den Spielen verbringen, hat etwas von dem, was die Hamburger Gediegenheit nennen. An der Bar stand eines Morgens Laci Legenstein, der heute in Heidelberg Tennislehrer ist. Für Österreich spielte er noch vor ein paar Jahren im Davispokal. Die Turnierveranstalter luden ihn immer gern ein, nicht nur, weil er auch ein guter Pianist war. Er wollte einmal sehen, wen er in Hamburg noch an alten Bekannten treffen kann. Nach ein paar Stunden kam er wieder vorbei. „Weißt du“, meinte er, „sie reden nur vom Geld. Es gibt keine Klavierspieler unter ihnen!“ Er grinste dazu, als ob er nicht wüßte, daß er etwas unendlich Gescheites gesagt hatte.

Indessen feierten sie draußen den 30jährigen Rechtsreferendar Christian Kuhnke, den die Hamburger so gern mögen, weil er in seiner lässigen Nonchalance auch so gediegen ist. Er hatte gegen Roy Emerson gewonnen, den australischen Professional, und war ins Semifinale gekommen. Kuhnke schlägt den Ball mit wunderschöner Gleichmäßigkeit – Enthusiasten nennen es Eleganz. Dabei ist es wahrscheinlich gerade diese Tatsache, die ihn nie in die Klasse der „oberen Zehn“ der Welt kommen lassen wird. Er spielt „zu ehrlich“, wenn man so etwas im Sport überhaupt sagen darf; es fehlt ihm jene „Hinterfotzigkeit“, die die Akteure in sportlichen Zweikämpfen heute haben, wenn sie sehr erfolgreich sind. Er verlor gegen Roche. Wenn sich im Tennis der Charakter eines Menschen offenbaren sollte – wie ein Pseudo-Psychologe während der Tage meinte –, dann ist Kuhnke ein sehr gerader Mensch. Er gibt grundsätzlich keine Interviews. „Es gibt Wichtigeres“, meint er. Für ihn im Moment allerdings kaum, denn nach dreijähriger, durch das Studium bedingter Pause, reist er in diesem Jahr nun von Turnier zu Turnier.

Nachdem sechs Jahre lang der Name Wilhelm Bungert die Rangliste des Deutschen Tennisbundes anführte, wird es in diesem Jahre Christian Kuhnke sein. Es wird ihn wenig bewegen. Genausowenig wie die These eines Spötters, der da meinte, Kuhnke sei in Wirklichkeit ja gar kein Linkshänder; er täte es nur aus lauter Arroganz vor seinen Gegnern. Was natürlich wirklich eine sehr böse Unterstellung ist. Für das Erreichen des Semifinales waren bei den 63. Internationalen Tennismeisterschaften von Deutschland immerhin 5000 Mark ausgesetzt. Allerdings hatte Kuhnke sich zuvor mit den Veranstaltern auf ein Fixum geeinigt.