Eine Woche vor dem ersten Jahrestag der Invasion läuft die Beschwichtigungs- und Einschüchterungskampagne der sowjetischen und der Prager Parteiführung auf vollen Touren. Am Dienstag mußte selbst der im April abgehalfterte Parteichef Dubček dazu herhalten, die Gemüter zu beruhigen. Das Parteiorgan "Rude Pravo" veröffentlichte Auszüge aus seinen Reden, die der Reformpolitiker vor dem 21. August 1968 gehalten und in denen er vor "rechtsgerichteten oppositionellen Kräften" gewarnt hatte.

Zumindest in einer Beziehung schien die Lage in und um die ČSSR den Tagen vor der Besetzung zu ähneln: Der Londoner "Observer" berichtete, starke sowjetische Einheiten seien zur Verstärkung der Besatzungstruppen in das Land eingerückt, weitere Panzerverbände näherten sich der tschechoslowakischen Grenze aus Richtung DDR, Polen und der westlichen Ukraine. Sowjetische Truppenbewegungen wurden auch aus allen Teilen der ČSSR gemeldet.

Offenbar befürchten Moskau und Prag, daß es aus Anlaß des Jahrestages zu Unruhen kommen könnte. Staatspräsident Svoboda und Parteichef Husák haben bei ihrem Treffen mit der sowjetischen Führung auf der Krim versucht, Befürchtungen des Kremls zu zerstreuen. Sie wurden aber auch unter Druck gesetzt, die Invasion endlich offiziell "abzusegnen".

Der Prager KP-Sekretär Hajek richtete unterdessen eine unmißverständliche Warnung "an den gesunden Verstand der Bevölkerung". "Wir werden", so erklärte er, "alle vorbeugenden Maßnahmen nicht nur auf politischem Gebiet, sondern auch im Bereich der Staatsmacht ergreifen, um sicherzustellen, daß niemand Störungen anzetteln kann. In diesen Tagen wird es Frieden und Ordnung in Prag geben." Die Polizeigewerkschaft rief ihre Mitglieder auf, ihren Dienst "in den nächsten Tagen ... konsequent auszuüben".

Gleichwohl entsandte Moskau am Wochenende den Chef der politischen Hauptverwaltung der Roten Armee, General Jepischew, nach Prag. Er hat den Auftrag, "mit Offizieren der tschechoslowakischen Armee Erfahrungen auszutauschen, über die politische Erziehungsarbeit in den beiden Streitkräften". Der "Observer" folgert: "Der General will herausfinden, wie verläßlich die tschechoslowakische Armee ist."

Trotz aller Repressionsversuche liefen in Prag wilde Gerüchte um: Wenn es am 21. August zu einer breiteren Erhebung komme, werde Moskau in der ČSSR eine Militärregierung einsetzen oder sogar das Land annektieren.