Die Kontroverse, die dieser Tage in Israels Regierungspartei um den Verteidigungsminister Moshe Dayan ausgebrochen ist, mutet an wie der Streit um des Kaisers Bart: Es ist ein künstlicher Krach, Theaterdonner im Vorwahlkampf.

Denn soviel ist sicher: Nach den Wahlen zur 7. Knesset am 29. Oktober wird die Arbeiterpartei – gebildet aus der Mapai Golda Meirs, der Ahdut Ha’avoda Yigal Allons und der Rafi-Gruppe Dayans – zusammen mit der ihr in einer Wahlunion verbündeten linkssozialistischen Mapam zum ersten Mal in der Geschichte Israels die absolute Mehrheit erringen. Auch ist nicht daran zu deuteln, daß die 71jährige Golda Meir Ministerpräsident bleiben wird. Die Meinung, sie tauge ihres Alters und ihrer angegriffenen Gesundheit wegen nur zum "Übergangspremier", hat längst der Einsicht Platz gemacht, daß sie nach Ben Gurion der beste Regierungschef ist.

Fraglich ist nur: Wie wird Dayan sich verhalten? Wird er sich der Parteiräson fügen und damit zugleich auch der Tatsache, daß er diesmal wieder nur der "zweite Mann" im Kabinett bleibt? Oder wird er die wachsende Popularität ausnutzen, die er als Israels beliebtester Politiker genießt, und sich allein oder als Chef einer neuen Partei zur Wahl stellen? Nach letzten Meinungsumfragen könnte er 36 der insgesamt 120 Knesset-Sitze für sich gewinnen. So mag die Versuchung für ihn groß sein, nun auch auf dem parlamentarischen Feld die Schlacht für sich zu schlagen.

Doch selbst seine intimsten Feinde und Nebenbuhler sagen ihm nicht nach, daß er ein bloßer Taktiker oder gar ein Phantast sei. Dayan ist als Angehöriger der ersten in Israel geborenen Generation der Prototyp eines kühlen Strategen und Pragmatikers. Die Rechnung, die er aufgemacht hat, ist einfach: Er kann die übernächsten Wahlen in Ruhe abwarten, um dann auch von seiner Partei als Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten aufgestellt zu werden. An ihm führt ohnehin kein Weg vorbei – jetzt nicht, als Verteidigungsminister, und später nicht, als Regierungschef.

Da sich Dayan auf Grund der prekären sicherheitspolitischen Lage Israels mit einigem Recht als "unersetzlich" fühlen darf, kann er auch den innenpolitischen Schlagabtausch mit seinen Kontrahenten provozieren. Nachdem er sich bereits seit längerer Zeit mit dem einflußreichen Parteioberen Pinhas Sapir in den Haaren lag, geriet er nun beim Wahlkongreß der MAI mit dem Vizepremier Allon und mit Außenminister Eban aneinander. Der eine warf ihm vor, die Besiedlung der besetzten Gebiete durch Israelis zu hintertreiben; der andere wandte sich dagegen, daß Dayans Forderung nach "strategischen Grenzen" die alte Formel von "sicheren, vereinbarten und anerkannten Grenzen" gefährdet. Doch stimmt der eine Vorwurf so wenig wie der andere.

Auch Dayan ist für die Grenzsicherung durch Wehrdörfer, wenngleich nicht so energisch wie Allon – ihm ist die allmähliche Integration der Araber mit den Israelis als praktisches Modell für eine dauerhafte Aussöhnung wichtiger. Auch Eban ist für die Annexion der Golan-Höhen, des Gazastreifens und des Außenpostens Sharm el-Sheich am Golf von Akaba sowie für eine Demilitarisierung des westlichen Jordan-Ufers und der Sinai-Halbinsel – nur wagt er als Außenminister das nicht so deutlich zu sagen wie der Verteidigungsminister. Der Streit, der in der Führungsmannschaft der Arbeiterpartei offen ausbrach, ist also nur ein Streit um Worte.

Einen für Dayans Rafi-Gruppe positiven Nebeneffekt hatte das rhetorische Scharmützel aber doch: Golda Meir gestand der Rafi (um einen Bruch zu vermeiden) die Aufstellung eigener Kandidaten für die September-Wahlen zur Histadrut-Gewerkschaft zu. Das ist ein Novum. Bisher legte der Mapai-Flügel die Wahllisten eigenmächtig fest, ohne Rücksicht auf die Wünsche der übrigen Parteien. Diesen Erfolg kann Dayan bereits für sich buchen. Es wird gewiß nicht sein letzter gewesen sein. D. St.