Wenn Dummheit gefährlich wird

Von Hans Gresmann

Die NPD, das sicherlich mißliche, aber keineswegs wuchernde Unkraut im Garten der deutschen Politik, hat während der letzten Wochen mancherlei Aufmerksamkeit erregt.

Da gab es zunächst einmal den Streit um die angemessene Etikettierung. Bundeskanzler Kiesinger und Bundestagspräsident von Hassel hatten der NPD bescheinigt, sie sei keine neonazistische Partei. Sogleich setzten die Kanonaden der Kritik ein: Die beiden hätten Adolf v. Thadden und die Seinen nunmehr "salonfähig" gemacht. Und immer wieder wurde das Urteil (der Zweiten Zivilkammer des Landgerichts Hannover) zitiert, welches unumwunden feststellt: "Die NPD darf in der Öffentlichkeit als rechtsradikal, neonazistisch, antidemokratisch bezeichnet werden."

Aber kann diese Öffentlichkeit mitsolchen Klischees überhaupt etwas anfangen? Ob der Kanzler den neonazistischen Charakter im engeren Sinne des Wortes in der NPD nicht zu entdecken vermag, ob andere dagegen schon wieder den Faschismus aufkeimen sehen – es bleibt ein Geplänkel mit Begriffen. Die politische Auseinandersetzung aber, von den großen Parteien in den letzten Monaten stets aufs neue angekündigt, sie fand bisher nicht statt. So verdammenswert es sein mag, daß sich in der NPD immer noch (wenngleich in geringerer Zahl als in ihren Anfangsjahren) die alten Nazis breitmachen, so genügt es einfach nicht, dieser Partei mit rhetorischer Monotonie die speziellen Reminiszenzen unseres Landes symbolisch um die Ohren zu schlagen.

Zugegeben: Solcherlei Erinnerungen an eine finstere Vergangenheit stellen sich neuerdings auf Schritt und Tritt ein. Seit die NPD nicht mehr zögert, ihr ziviles, scheindemokratisches Kleid abzulegen, seit ihre Ordnerverbände, ausgestattet mit Schutzhelmen, Lederkoppeln und Schlaginstrumenten, darangehen, politische Widersacher erbarmungslos – und wahrhaftig nicht nur symbolisch – niederzuknüppeln, liegt der Vergleich mit den Straßenkämpfen der zwanziger und frühen dreißiger Jahre, die den Untergang der demokratischen Republik von Weimar markierten, liegt der Vergleich mit den nationalsozialistischen Sturmtrupps in der Tat nahe. Wer die Photos von den Frankfurter "Saalschützern" gesehen hat, sollte erkennen: Mit diesen Leuten ist kein Staat zu machen.

Aber wissen das wirklich schon alle hierzulande? Manche biederen Bürger, die durchaus keine eingefleischten Rechtsextremisten sind, scheinen den simplen und hohlen Ordnungsparolen einer Partei aufzusitzen, welche das Unbehagen an einer unruhigen Welt schamlos für ihre politischen Zwecke auszunutzen trachtet, eine Partei, die zur Begründung ihrer Gewalttätigkeit angibt, daß den langhaarigen Rebellen von links endlich einmal im kräftigen Selbstschutz die Fäuste gezeigt werden müßten.

Es ist an der Zeit zu sagen, daß die NPD keinen Anspruch darauf erheben kann, im Namen der Gemeinschaft irgend etwas zu verteidigen. Denn in der Bewertung der möglichen politischen Folgen ist ihr Irrationalismus weitaus gefährlicher als der Irrationalismus jener in Utopien badenden SDS-Ideologen.

Wenn Dummheit gefährlich wird

Wer Gewalt anwendet – darüber darf es keinen Zweifel geben –, muß gebrandmarkt werden, stehe er links oder rechts. Aber was die Rebellen auf der Linken anbetrifft, so tragen sie immerhin Zukunftsmodelle im geistigen Sturmgepäck. Zwischen ihnen und den nüchterneren Reformern, die gleichfalls darauf aus sind, die Formationen des Staates und der Gesellschaft nach den Geboten der Zeit zu verwandeln, gibt es schließlich doch Ansätze zu einem Dialog.

Die NPD aber stapft im Bodensatz der Geschichte. Hätte es bei uns nie einen Hitler, nie ein faschistisches "Drittes Reich" gegeben, entfielen folglich die direkten Warnungsassoziationen – auch dann müßte die politische Vernunft ihr Verdikt über die Nationaldemokraten fällen. Denn nicht nur mit Adolf v. Thaddens Schlägern, auch mit seinen Ideen ist heute kein Staat mehr zu machen.

Nazistisch oder nicht nazistisch, faschistisch oder nicht faschistisch – dieses müßige Alternativspiel mit Vokabeln erscheint, für die Zukunft gesehen, weniger bedeutungsvoll als die Einsicht, daß die politischen Parolen der NPD vor allem eines sind: dumm.

Diese Partei appelliert an das Sentiment des dumpfen Protestes, sie appelliert an all jene, die der politischen und gesellschaftlichen Überschaubarkeit seligen Angedenkens nachtrauern, die im patriarchalischen Familienkreis, angesiedelt auf der Urväterscholle, dem Monde romantische Grüße hinaufschicken – und die Astronauten dabei nicht zur Kenntnis nehmen. Ob uns dies paßt oder nicht: die Welt hat sich geändert, die "guten alten Zeiten" sind vorbei. Die NPD hängt einem petrifizierten Ordnungsidol nach, das von der Wirklichkeit längst überholt ist. Wer also diese Partei wählt, entscheidet sich, aus welchen Motiven auch immer, für vorgestern.

Sollte die NPD, was Gott und die Ratio verhüten mögen, je Einfluß auf die politischen Entscheidungen in unserem Lande gewinnen, dann wird sich nicht "Ordnung" ausbreiten, sondern viel eher das Chaos der Unstimmigkeiten. Mit den Formeln der Vergangenheit – "Nationalstaat", "deutsche Interessen", "Zucht und Disziplin nach Altvätersitte", "Autorität statt Diskussion" – läßt sich heute einfach nichts mehr bestellen. Das Rad der Geschichte, das sie rückwärts drehen wollen, wird diese Partei und alle, die sich zu ihr bekennen, zwangsläufig überrollen.

Ob in der Zentrale der NPD drei oder dreizehn oder dreiundzwanzig vernagelte Nazis versuchen, rostige Schalthebel wieder gangbar zu machen, ist viel weniger wichtig als die Tatsache, daß die Kandidaten dieser Partei – seien sie alt oder jung – uns an Klugheit und bedachten Programm nichts Nennenswertes zu bieten haben.

Die NPD darf nicht aus der Sicht von gestern, sie muß aus der Sicht von morgen abgekanzelt werden. Mit Fossilien können wir nicht leben.