Die Missionschefs der drei Westmächte in Moskau haben dem stellvertretenden Außenminister der Sowjetunion, Semjon Kosyrew, vorige Woche in gleichlautenden Erklärungen ein Aide-mémoire übergeben, um – wie es in einer gemeinsamen Presseverlautbarung hieß – "die Möglichkeiten für eine Besserung der Situation in und um Berlin und zwischen beiden Teilen Deutschlands zu erkunden".

Mit dieser Demarche, die die Bonner Vierergruppe seit Monaten vorbereitet hatte, will der Westen am Vorabend der Gespräche zwischen den Supermächten über eine Begrenzung des strategischen Wettrüstens die Entspannungsbereitschaft der Sowjets auf die Probe stellen. Anlaß dazu bot die Rede des sowjetischen Außenministers Gromyko vom 10. Juli vor dem Obersten Sowjet, in der er den Westmächten einen "Meinungsaustausch" darüber offeriert hatte, "wie man jetzt und in Zukunft Komplikationen um Westberlin verhüten kann".

Die Bundesregierung erhofft sich von dem Vorstoß ihrer Verbündeten, der die westlichen Vorstellungen noch nicht näher konkretisiert, daß sich Moskau zu einer verstärkten Sicherung der Zugangswege von und nach Berlin herbeiläßt und Ostberlin zu Gesprächen mit Bonn über eine Verbesserung der Beziehungen zwischen den beiden Teilen Deutschlands ermutigt. Bundeskanzler Kiesinger und Bundesaußenminister Brandt äußerten sich indessen sehr zurückhaltend über die Erfolgsaussichten dieses Unternehmens, das nach Bonner Auffassung auch das Zustandekommen einer europäischen Sicherheitskonferenz erleichtern könnte.

An Versuchen der Bundesregierung, den innerdeutschen Dialog wieder in Gang zu setzen, hat es in den letzten vierzehn Tagen nicht gefehlt. Jedoch wies das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" bislang die Avancen zurück (vgl. unten "Dokumente der ZEIT"). Auf dem rumänischen Parteitag hetzte erst am vorigen Wochenende der Leiter der Agitpropabteilung im ZK der SED, Kurt Tiedtke, gegen den "westdeutschen Imperialismus", der wenn nicht stärker, so doch immer "aggressiver, raffinierter und gefährlicher" geworden sei und der als Hauptstörenfried ("Trojanisches Pferd") in Europa betrachtet werden müsse.

Trotzdem hat sich Ostberlin seit dem 21. April dreizehnmal brieflich an die Bundesregierung und an den Berliner Senat gewandt – der innerdeutsche Waren- und Dienstleistungsverkehr nahm in den ersten vier Monaten dieses Jahres um 20 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahrs zu.

Hauptsächlich ging es bei dem schriftlichen Dreiecksverkehr Ostberlin–Bonn–Westberlin um Proteste, Reklamationen und Geldforderungen der DDR. Kontakte kamen insbesondere zustande über den innerdeutschen Postverkehr und über die Kalitransporte im Kreis Herford, die dort auf einer Strecke von elf Kilometern durch das Gebiet der DDR führen. In beiden Fällen verlangte Ostberlin eine höhere Entschädigung, als Bonn bislang zu zahlen bereit war – 16 Millionen Mark für postalische Mehrleistungen im zweiten Halbjahr 1968 und 5,6 Millionen Mark für die Kalitransporte. Staatssekretär Wetzel vom Gesamtdeutschen Ministerium glaubt, daß sich Ostberlin für seine mit üppiger Kredithilfe erkauften diplomatischen Erfolge im Nahen Osten an Bonn schadlos halten will.