ARD, Montag, 4. August: "Report München" und Montag, 11. August: "Panorama"

Man habe ihn hochgehen lassen, sagte der Würdenträger, der sich der Ganovensprache mit gleicher Geläufigkeit bediente wie des Jargons von Offizieren und Boxern, man habe sich – am Rande der Legalität, wohlgemerkt! – in den Besitz von Akten gesetzt, um mit dem Weihbischof, dem Sack nämlich, zugleich den Esel zu treffen, den Kardinal also (Döpfner) und den Soldaten (schlechthin) und die Kirche (als solche).

Er aber, sagte der Würdenträger, sei gerüstet für die kommenden Runden, man müsse halt fit sein und die Nerven stählen im Urlaub, darauf käme es an, wenn man dem Kampf mit einer Presse gewachsen sein wolle, für deren Beschreibung dem D. jenes Indefinitpronomen als passend erschien, das, im Sinn einer eher abschätzigen Etikettierung, vor allem in lateinischen Schulübersetzungen (bestiae quaedam facile domari possunt) und in wilhelminischen Polizeiberichten seine Rolle spielt: ... richtete sich der Verdacht gegen einen gewissen Herrn Meier.

Kein Zweifel, diese Mischung von slang und von Schwulst (Ich bekenne mich zu meiner inneren Last), charakterisiert durch Vulgarität und geblümte Rede, hatte ihre eigenen Reize. Heigerts Entsetzen und, eine Woche darauf, Bölls Zorn, Silones Verachtung und das Erstaunen eines alten Dorfpriesters namens Karobath waren verständlich. Der Mann mit dem Primusgesicht, der es einst hatte blitzen lassen und donnern und nun die Seismographen verantwortlich machte, weil sie, statt stillzustehen, kräftig mit ihren Zeigerchen zuckten – dieser Mann mit seiner Last und seiner Verantwortung (die zu übernehmen, wie bei Tucholsky nachzulesen ist, dem Träger selten schadet und den Opfern niemals nützt) verdient, so dachte der Betrachter am Bildschirm, weniger Aufmerksamkeit als die Institution, die häufig den Gehorsam gegenüber Vorgesetzten dem Gehorsam gegenüber Gott voranzustellen scheint.

Defregger, sagte mir ein geistlicher Herr, das ist nicht der Fall eines Menschen, der seine Oberen gewechselt hat und heute den Kardinalspurpur mit der gleichen Inbrunst verehrt wie gestern das Generalsrot; Defregger ist der Fall der Funktionärskirche, die aufgehört hat, ecclesia sub cruce zu sein.

Unter solchen Zeichen war es gut, daß das deutsche Fernsehen, acht Tage nach Defreggers Auftritt, das Grab jenes Franz Jägerstätter zeigte, der sich dem Befehl seines Bischofs zum Trotz geweigert hatte, in Hitlers Gefolge zu töten. Er wurde ermordet, weil er es für seine Pflicht als katholischer Christ hielt, Gott mehr zu gehorchen als den Oberen hüben und drüben.

Ein großer und ein kleiner, ein erfolgreicher und ein vergessener Mann. Der Große fit, der Kleine stumm, die Geschichte ist lehrreich. Dem einen das Marterl, dem andern die Macht, so läßt sich lang leben: moralisch und erfolgreich zugleich. Momos