Von Adolf Metzner

Am letzten Wochenende feierten die bundesdeutschen Leichtathleten ihre Meisterschaften im Düsseldorfer Rheinstadion. Aber feiern klingt heute antiquiert, obwohl man sich alle Mühe gibt, einen Hauch von Festlichkeit noch zu bewahren. Wer noch Deutsche Meisterschaften um das Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre miterlebte, weiß, daß damals eine fast kultische Feierlichkeit über dem Stadion lag. Ein bißchen Bayreuth-Stimmung war wohl auch dabei.

Heute scheinen davon nur die oft so störenden Siegesfanfaren und als Schlußapotheose der große Aufmarsch (die „Festwiese“) übriggeblieben. Tatsächlich ist dieses etwas hohl tönende Pathos, das sich mit der sachlichen Schönheit des Sportes so schlecht verträgt, eine Erfindung der jetzigen Nachkriegszeit.

In Düsseldorf war aber auch manches neu. Seine Majestät Fußball demonstrierte seine Allmacht. Die gigantische Rundumtribüne für die Fußballweltmeisterschaft 1974, deren Dach nach, dem Prinzip einer Hängebrücke getragen wird, ist schon im Bau. Sie schien die veralterte Pfeilertribüne geradezu verschlingen zu wollen. Am Sonnabend wurden außerdem erstmals bei einer Deutschen Leichtathletikmeisterschaft die Bundesligafußballergebnisse am Lautsprecher durchgegeben. Und noch ein Novum. Im Programmheft zwischen Zeitfolge und Teilnehmerliste fand sich ein ganzseitiges Photo von Heinz Fütterer, dem einstigen Meistersprinter, mit einem Wahlaufruf für die SPD. Wahlwerbung mit schnellen Beinen war bisher noch nicht da, weil der Sport peinlich auf seine politische Neutralität bedacht war.

69. Deutsche Leichtathletikmeisterschaften stand überall zu lesen. Dieser gesamtdeutsche sportliche Anspruch ist aber dadurch stark durchlöchert, daß – im anderen Teil Deutschlands – heute die Leichtathleten schneller laufen, weiter stoßen und werfen und auch höher und weiter springen. Düsseldorf zeigte dies nochmals in aller Deutlichkeit. Gewiß, die Wetterbedingungen waren am Sonnabend nicht die besten. Beim 10 000-Meter-Lauf prasselte sogar der Regen in Strömen hernieder. Für die Anlaufbahnen hatte man zwar Kunststoffbeläge von konkurrierenden Firmen ausgelegt, aber selbst sie, die als wetterfest gepriesen werden, mußten teilweise zusätzlich abgedeckt werden. In Stuttgart beim Erdteilkampf stellte sich schon heraus, daß einige der amerikanischen Kunststoffmischungen einem richtigen europäischen Dauerregen nicht gewachsen sind. Auch Ostberlin hat inzwischen eine Kunststoffbahn.

Aber auch dann, wenn diese ungünstigen äußeren Bedingungen berücksichtigt werden, bleibt die Übermacht der DDR-Leichtathleten bedrückend bestehen. Besonders in den sogenannten Fleißübungen tritt sie geradezu eklatant zutage. Die DDR hat zum Beispiel fünf Kugelstoßer, die über 20 Meter stoßen. Die BRD einen einzigen, der in Düsseldorf aber nur 19,32 m erreichte. Was dies außerdem bei der heutigen Verletzungshäufigkeit bedeutet, braucht kaum näher erläutert zu werden. Im Diskuswerfen siegte Lothar Milde bei den DVfL- (Deutscher Verband für Leichtathletik) Meisterschaften in Ostberlin mit großartigen 63,60 m. Hinter ihm rangieren Rothenburg mit 62,02 m und Schaumburg mit 61,54 m in der Bestenliste. In Düsseldorf bei den DLV-(Deutscher Leichtathletik-Verband) Meisterschaften kam nur Neu mit 59,62 m an die international wertvolle 60-Meter-Grenze heran, Hennig, der sie schon übertraf, begnügte sich mit 57,46 m.

Selbst in der DLV-Paradeübung, dem Zehnkampf, sieht die Bilanz zur Zeit negativ aus. Die Hälfte der Zehnkämpfer ist ja „normalerweise“ verletzt. Deshalb braucht man ein halbes Dutzend Weltklasseleute, um drei davon gesund an den Start zu bringen. Der Potsdamer Kirst hat schon 8279 Punkte geschafft und kam damit nahe an Bendlins Weltrekord heran. Aber auch ohne ihn erreichten Demmig, Wessel und Tiedtke bei den Meisterschaften in Ostberlin über 8000 Punkte, eine Barriere, die nur Bendlin in der Bundesrepublik bisher knapp überwand. Dort, wo der DLV einen guten Mann hat, sind drüben aber drei oder vier.