Drei Atomphysiker diskutieren über Positivismus, Metaphysik und Religion

Der Wiederaufbau der internationalen Beziehungen in der Wissenschaft führte die alten Freunde aus der Atomphysik von neuem in Kopenhagen zusammen. Im Frühsommer des Jahres 1952 fand dort eine Tagung statt, auf der über den Bau eines europäischen Großbeschleunigers beraten werden sollte. Ich war an diesen Plänen aufs äußerste interessiert, da ich mir von einem solchen Großbeschleuniger experimentelle Aufschlüsse über die Frage erhoffte, ob wirklich, wie ich annahm, beim energischen Zusammenstoß zweier Elementarteilchen viele solche Teilchen erzeugt werden können und ob es wirklich viele verschiedene Sorten von Elementarteilchen gibt, die sich, ähnlich wie die stationären Zustände eines Atoms oder Moleküls, durch ihre Symmetrieeigenschaften, ihre Masse und ihre Lebensdauer unterscheiden. Obwohl mir also der Gegenstand der Tagung in jeder Weise wichtig war, soll hier doch nicht über ihren Inhalt berichtet werden, sondern über den eines Gesprächs, das ich bei dieser Gelegenheit einmal mit Niels* und Wolfgang** führte. Auch Wolfgang war von Zürich zur Tagung herübergekommen. Wir saßen zu dritt in dem kleinen Wintergarten, der sich an Bohrs Ehrenwohnung nach dem Park zu anschloß und sprachen über das alte Thema, ob die Quantentheorie eigentlich vollständig verstanden und ob die Deutung, die wir ihr hier vor 25 Jahren gegeben hatten, inzwischen allgemein anerkanntes Gedankengut der Physik geworden sei. Niels erzählte:

"Vor einiger Zeit war hier in Kopenhagen eine Philosophentagung, zu der vor allem Anhänger der positivistischen Richtung gekommen waren. Ich habe versucht, vor diesen Philosophen über die Interpretation der Quantentheorie zu sprechen. Es gab nach meinem Vortrag keine Opposition und keine schwierigen Fragen; aber ich muß gestehen, daß eben dies für mich das Schrecklichste war. Denn wenn man nicht zunächst über die Quantentheorie entsetzt ist, kann man sie doch unmöglich verstanden haben. Wahrscheinlich habe ich so schlecht vorgetragen, daß niemand gemerkt hat, wovon die Rede war."

Wolfgang meinte: "Das muß nicht unbedingt an deinem schlechten Vortrag gelegen haben. Es gehört doch zum Glaubensbekenntnis der Positivisten, daß man die Tatsachen sozusagen unbesehen hinnehmen soll. Soviel ich weiß, stehen bei Wittgenstein etwa die Sätze: ‚Die Welt ist alles, was der Fall ist.‘ ‚Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.‘ Wenn man so anfängt, so wird man auch eine Theorie ohne Zögern hinnehmen, die eben diese Tatsachen darstellt. Die Positivisten haben gelernt, daß die Quantenmechanik die atomaren Phänomene richtig beschreibt; also haben sie keinen Grund, sich gegen sie zu wehren. Was wir dann noch so dazu sagen, wie Komplementarität, Interferenz der Wahrscheinlichkeiten, Unbestimmtheitsrelationen, Schnitt zwischen Subjekt und Objekt und so weiter, gilt den Positivisten als unklares lyrisches Beiwerk, als Rückfall in ein vorwissenschaftliches Denken, als Geschwätz; es braucht jedenfalls, nicht ernst genommen zu werden und ist im günstigsten Fall unschädlich. Vielleicht ist eine solche Auffassung in sich logisch ganz geschlossen. Nur weiß ich dann nicht mehr, was es heißt, die Natur zu verstehen."

"Die Positivisten würden wohl sagen", versuchte ich zu ergänzen, "daß Verstehen gleichbedeutend sei mit Vorausrechnen-Können. Wenn man nur ganz spezielle Ereignisse vorausrechnen kann, so hat man nur einen kleinen Ausschnitt verstanden; wenn man viele verschiedene Ereignisse vorausrechnen kann, hat man weitere Bereiche verstanden. Es gibt eine kontinuierliche Skala zwischen ganz wenig verstehen und fast alles verstehen, aber es gibt keinen qualitativen Unterschied zwischen vorausrechnen können und verstehen."

"Findest du denn, daß es einen solchen Unterschied gibt?"

"Ja, davon bin ich überzeugt", erwiderte ich, "und ich glaube, wir haben schon einmal vor dreißig Jahren auf der Radtour am Walchensee darüber gesprochen. Vielleicht kann ich das, was ich meine, durch einen Vergleich deutlich machen. Wenn wir ein Flugzeug am Himmel sehen, so können wir mit einem gewissen Grad von Sicherheit vorausrechnen, wo es nach einer Sekunde sein wird. Wir werden zunächst die Bahn einfach in einer geraden Linie fortsetzen; oder, wenn wir schon erkennen, daß das Flugzeug eine Kurve beschreibt, so werden wir auch die Krümmung mit einrechnen. Damit werden wir in den meisten Fällen guten Erfolg haben. Aber wir haben doch die Bahn noch nicht verstanden. Erst wenn wir vorher mit dem Piloten gesprochen und von ihm eine Erklärung über den beabsichtigten Flug erhalten haben, dann haben wir die Bahn wirklich verstanden."

Niels war nur halb zufrieden. "Es wird vielleicht schwierig sein, ein solches Bild auf die Physik zu übertragen. Mir geht es eigentlich so, daß ich mich mit den Positivisten. sehr leicht über das einigen kann, was sie wollen, aber nicht so leicht über das, was sie nicht wollen. Darf ich das etwas genauer erklären. Diese ganze Haltung, die wir besonders aus England und Amerika so gut kennen, und die von den Positivisten eigentlich nur noch in ein System gebracht worden, ist, geht ja auf das Ethos der beginnenden neuzeitlieben Naturwissenschaft zurück. Bis dahin hatte man sich immer nur für die großen Zusammenhänge der Welt interessiert und sie im Anschluß an die alten Autoritäten, vor allem an Aristoteles und an die kirchliche Lehre, erörtert, sich aber um die Einzelheiten der Erfahrung sehr wenig gekümmert. Die Folge war, daß sich allerhand Aberglauben breit gemacht hatte, der das Bild der Einzelheiten verwirrte, und daß man auch in den großen Fragen nicht weiter kam, weil ja den alten Autoritäten kein neuer Wissensstoff zugefügt werden konnte. Erst im 17. Jahrhundert hat man sich dann entschlossen von den Autoritäten abgelöst und der Erfahrung, das heißt der experimentellen Untersuchung der Einzelheiten, zugewandt.

Es wird erzählt, daß man sich in den Anfängen der wissenschaftlichen Gesellschaften, etwa der Royal Society in London, damit beschäftigt hat, Aberglauben dadurch zu bekämpfen, daß man die Behauptungen, die in irgendwelchen magischen Büchern standen, durch Experimente widerlegte. So war etwa behauptet worden, daß ein Hirschkäfer, den man unter bestimmten Beschwörungsformeln um Mitternacht in die Mitte eines Kreidekreises auf den Tisch setzte, diesen Kreis nicht verlassen könnte. Also zeichnete man einen Kreidekreis auf den Tisch, setzte unter genauer Beachtung der geforderten Beschwörungsformeln den Käfer in die Mitte und beobachtete dann, wie er sehr vergnügt über den Kreis weglief. Auch mußten sich an einigen Akademien die Mitglieder verpflichten, nie über die großen Zusammenhänge zu sprechen, sondern sich nur mit den einzelnen Tatsachen abzugeben. Theoretische Überlegungen über die Natur galten daher nur der einzelnen Gruppe von Erscheinungen, nicht dem Zusammenhang des Ganzen. Eine theoretische Formel wurde mehr als eine Handlungsanweisung aufgefaßt – so wie etwa heutzutage im Taschenbuch für Ingenieure nützliche Formeln für die Knickfestigkeit von Stäben zu finden sind. Auch der bekannte Ausspruch von Newton, daß er sich vorkomme wie ein Kind, das am Meeresstrand spielt und sich freut, wenn es dann und wann einen glatteren Kiesel oder eine schönere Muschel als gewöhnlich findet, während der große Ozean der Wahrheit unerforscht vor ihm liegt, auch dieser Ausspruch drückt das Ethos der beginnenden neuzeitlichen Naturwissenschaft aus. Natürlich hat Newton in Wirklichkeit sehr viel mehr getan. Er hat für einen ganz großen Bereich von Naturerscheinungen die zugrundeliegende Gesetzmäßigkeit mathematisch formulieren können. Aber davon sollte man eben nicht reden.

In diesem Kampf gegen frühere Autorität und Aberglauben im Bereich der Naturwissenschaft ist man natürlich auch manchmal über das Ziel hinausgeschossen. So gab es zum Beispiel alte Berichte, die bezeugten, daß gelegentlich Steine vom Himmel fielen, und in einigen Klöstern und Kirchen wurden solche Steine als Reliquien aufbewahrt. Solche Berichte wurden im 18. Jahrhundert als Aberglauben beiseite geschoben und die Klöster aufgefordert, die wertlosen Steine wegzuwerfen. Die französische Akademie hat sogar einmal den ausdrücklichen Beschluß gefaßt, Mitteilungen über Steine, die vom Himmel gefallen seien, nicht mehr entgegenzunehmen. Erst als dann bei einem größeren Meteorfall in der Nähe von Paris viele Tausende von kleinen Meteoreisensteinen niedergingen, mußte die Akademie ihren Widerstand aufgeben. Ich wollte das nur erzählen, um die geistige Haltung der beginnenden neuzeitlichen Naturwissenschaft zu charakterisieren; und wir alle wissen ja, welche Fülle von neuen Erfahrungen und wissenschaftlichen Fortschritten aus dieser Haltung erwachsen ist.

Die Positivisten versuchen nun, das Vorgehen der neuzeitlichen Naturwissenschaft mit einem philosophischen System zu begründen und gewissermaßen zu rechtfertigen. Sie weisen darauf hin, daß die Begriffe, die in der früheren Philosophie verwendet wurden, nicht den gleichen Grad von Präzision haben wie die Begriffe der Naturwissenschaft, und so meinen sie, daß die Fragen, die dort gestellt und erörtert wurden, häufig gar keinen Sinn hätten, daß es sich um Scheinprobleme handelte, mit denen man sich nicht beschäftigen sollte. Mit der Forderung, äußerste Klarheit in allen Begriffen anzustreben, kann ich mich natürlich einverstanden erklären; aber das Verbot, über die allgemeineren Fragen nachzudenken, weil es dort keine in diesem Sinne klaren Begriffe gebe, will mir nicht einleuchten; denn bei einem solchen Verbot könnte man auch die Quantentheorie nicht verstehen."

"Wenn du sagst, daß man dann die Quantentheorie nicht mehr verstehen könnte", fragte Wolfgang zurück, "meinst du damit, daß eben die Physik nicht nur aus Experimentieren und Messen auf der einen, einem mathematischen Formelapparat auf der anderen Seite bestehe, sondern daß an der Nahtstelle zwischen beiden echte Philosophie getrieben werden müsse? Das heißt, daß man dort unter Benutzung der natürlichen Sprache versuchen müsse zu erklären, was bei diesem Spiel zwischen Experiment und Mathematik eigentlich geschieht. Ich vermute auch, daß alle Schwierigkeiten im Verständnis der Quantentheorie eben an dieser Stelle auftauchen, die von den Positivisten meist mit Stillschweigen übergangen wird; und zwar deswegen übergangen wird, weil man hier nicht mit so präzisen Begriffen operieren kann. Der Experimentalphysiker muß über seine Versuche reden können, und dabei verwendet er de facto die Begriffe der klassischen Physik, von denen wir schon wissen, daß sie nicht genau auf die Natur passen. Das ist das fundamentale Dilemma, und das darf man nicht einfach ignorieren."

"Die Positivisten", fügte ich ein, "sind ja außerordentlich empfindlich gegen alle Fragestellungen, die, wie sie sagen, einen vorwissenschaftlichen Charakter tragen. Ich erinnere mich an ein Buch von Philipp Frank über das Kausalgesetz, in dem einzelne Fragestellungen oder Formulierungen immer wieder abgetan werden mit dem Vorwurf, es handelte sich um Relikte aus der Metaphysik, aus einer vorwissenschaftlichen oder animistischen Epoche des Denkens. So werden etwa die biologischen Begriffe ,Ganzheit‘ und ‚Entelechie‘ als vorwissenschaftlich abgelehnt, und es wird der Beweis versucht, daß den Aussagen, in denen diese Begriffe gewöhnlich verwendet werden, keine nachprüfbaren Inhalte entsprechen. Das Wort ‚Metaphysik‘ ist dort gewissermaßen nur noch ein Schimpfwort, mit dem völlig unklare Gedankengänge gebrandmarkt werden sollen."

"Mit dieser Einengung der Sprache kann ich natürlich auch nichts anfangen", nahm Niels wieder das Wort. "Du kennst doch das Schillersche Gedicht ‚Spruch des Konfuzius‘ und du weißt, daß ich da besonders die Zeilen liebe ‚Nur die Fülle führt zur Klarheit, und im Abgrund wohnt die Wahrheit‘. Die Fülle ist hier nicht nur die Fülle der Erfahrung, sondern auch die Fülle der Begriffe, der verschiedenen Arten, über unser Problem und über die Phänomene zu reden. Nur dadurch, daß man über die merkwürdigen Beziehungen zwischen den formalen Gesetzen der Quantentheorie und den beobachteten Phänomenen immer wieder mit verschiedenen Begriffen spricht, sie von allen Seiten beleuchtet, ihre scheinbaren inneren Widersprüche bewußt macht, kann die Änderung in der Struktur des Denkens bewirkt werden, die für ein Verständnis der Quantentheorie die Voraussetzung ist.

Bilder und Gleichnisse

Es wird doch zum Beispiel immer wieder gesagt, daß die Quantentheorie unbefriedigend sei, weil sie nur eine dualistische Beschreibung der Natur mit den komplementären Begriffen ‚Welle‘ und ‚Teilchen‘ gestatte. Wer die Quantentheorie wirklich verstanden hat, würde aber gar nicht mehr auf den Gedanken kommen, hier von einem Dualismus zu sprechen. Er wird die Theorie als eine einheitliche Beschreibung der atomaren Phänomene empfinden, die nur dort, wo sie zur Anwendung auf die Experimente in die natürliche Sprache übersetzt wird, recht verschieden aussehen kann. Die Quantentheorie ist so ein wunderbares Beispiel dafür, daß man einen Sachverhalt in völliger Klarheit verstanden haben kann und gleichzeitig doch weiß, daß man nur in Bildern und Gleichnissen von ihm reden kann. Die Bilder und Gleichnisse, das sind hier im wesentlichen die klassischen Begriffe, also auch ‚Welle‘ und ‚Korpuskel‘. Die passen nicht genau auf die wirkliche Welt, auch stehen sie zum Teil in einem komplementären Verhältnis zueinander und widersprechen sich deshalb. Trotzdem kann man, da man bei der Beschreibung der Phänomene im Raum der natürlichen Sprache bleiben muß, sich nur mit diesen Bildern dem wahren Sachverhalt nähern.

Wahrscheinlich ist es doch bei den allgemeinen Problemen der Philosophie, insbesondere auch der Metaphysik, ganz ähnlich. Wir sind gezwungen, in Bildern und Gleichnissen zu sprechen, die nicht genau das treffen, was wir wirklich meinen. Wir können auch gelegentlich Widersprüche nicht vermeiden. Aber wir können uns doch mit diesen Bildern dem wirklichen Sachverhalt irgendwie nähern.

Du sprachst vorher von Philipp Frank und seinem Buch über Kausalität. Auch Philipp Frank hat damals an dem Philosophenkongreß in Kopenhagen teilgenommen und einen Vortrag gehalten, in dem der Problemkreis Metaphysik, wie du erzählst, eigentlich nur als Schimpfwort oder wenigstens als Beispiel für unwissenschaftliche Denkweise vorkam. Ich mußte hinterher zu dem Vortrag Stellung nehmen und habe dann etwa folgendes gesagt:

Zunächst könne ich nicht recht einsehen, warum die Vorsilben Meta nur vor Begriffe wie Logik oder Mathematik gesetzt werden dürften – Frank hatte von Metalogik und Metamathematik gesprochen –, nicht aber vor den Begriff Physik. Das Präfix Meta soll doch nur andeuten, daß es sich um die Fragen handelt, die danach kommen, also die Fragen nach den Grundlagen des betreffenden Gebiets; und warum soll man nicht nach dem suchen dürfen, was sozusagen hinter der Physik kommt? Ich wollte aber lieber mit einem ganz anderen Ansatz beginnen, um meine eigene Stellung zu diesem Problem deutlich zu machen. Ich wollte fragen: ‚Was ist ein Fachmann?‘ Viele würden" vielleicht antworten, ein Fachmann sei ein Mensch, der sehr viel über das betreffende Fach weiß. Diese Definition könne ich aber nicht zugeben, denn man könne eigentlich nie wirklich viel über ein Gebiet wissen. Ich möchte lieber so formulieren: Ein Fachmann ist ein Mann, der einige der gröbsten Fehler kennt, die man in dem betreffenden Fach machen kann, und der sie deshalb zu vermeiden versteht. In diesem Sinne würde ich also Philipp Frank einen Fachmann der Metaphysik nennen, da er sicher einige der gröbsten Fehler in der Metaphysik zu vermeiden weiß. – Ich bin nicht sicher, ob Frank ganz glücklich über dieses Lob war, aber ich meinte es nicht ironisch, sondern ganz ehrlich. Mir ist bei allen solchen Diskussionen vor allem wichtig, daß man nicht versuchen darf, den Abgrund, in dem die Wahrheit wohnt, einfach wegzureden. Man darf es sich an keiner Stelle zu leicht machen."

Am Abend des gleichen Tages setzten Wolfgang und ich das Gespräch noch zu zweit fort. Es war die Zeit der hellen Nächte. Die Luft war warm, die Dämmerung dehnte sich fast bis zur Mitternacht aus, und die dicht unter dem Horizont wandernde Sonne tauchte die Stadt in ein gedämpftes bläuliches Licht. So entschlossen wir uns noch zu einem Spaziergang auf der Langen Linie, einem langgestreckten Kai am Hafen, an dem meist Schiffe liegen und entladen werden. Im Süden beginnt die Lange Linie etwa an der Stelle, bei der auf einem Felsen am Strand das Bronzeabbild der Kleinen Meerjungfrau aus Andersens Märchen sitzt, und im Norden endet sie mit einer ins Hafenbecken ausschwingenden Mole, auf der ein kleines Leuchtfeuer die Einfahrt bezeichnet. Wir sahen zunächst den im Dämmerlicht aus- und einfahrenden Schiffen nach, dann begann Wolfgang das Gespräch mit der Frage:

"Warst du eigentlich zufrieden mit dem, was Niels heute über die Positivisten gesagt hat? Ich hatte den Eindruck, daß du eigentlich den Positivisten gegenüber noch kritischer bist als Niels, oder genauer gesagt, daß dir ein ganz anderer Wahrheitsbegriff vorschwebt als den Philosophen dieser Richtung; und ich weiß nicht, ob Niels bereit wäre, auf den von dir angedeuteten Wahrheitsbegriff einzugehen."

"Das weiß ich natürlich auch nicht. Niels ist ja noch in einer Zeit aufgewachsen, in der es einer großen Anstrengung bedurfte, um sich vom traditionellen Denken der bürgerlichen Welt des 19. Jahrhunderts, insbesondere auch von den Gedankengängen der christlichen Philosophie zu lösen. Da er diese Anstrengung geleistet hat, wird er sich immer scheuen, die Sprache der älteren Philosophie oder gar der Theologie ohne Vorbehalt zu benutzen. Für uns ist das aber anders, weil wir nach zwei Weltkriegen und zwei Revolutionen wohl keine Anstrengung mehr brauchen, um uns von irgendwelchen Traditionen zu befreien. Mir würde es – aber darin sind wir ja auch mit Niels einig – völlig absurd vorkommen, wenn ich mir die Fragen oder die Gedankengänge der früheren Philosophien verbieten wollte, weil sie nicht in einer präzisen Sprache ausgedrückt worden sind. Ich habe zwar manchmal Schwierigkeiten zu verstehen, was mit diesen Gedankengängen gemeint ist, und ich versuche dann, sie in eine moderne Terminologie zu übersetzen und nachzusehen, ob wir jetzt neue Antworten geben können. Aber ich habe keine Hemmung, die alten Fragen wieder aufzugreifen, so wie ich auch keine Hemmung habe, die traditionelle Sprache einer der alten Religionen zu verwenden. Wir wissen, daß es sich bei der Religion um eine Sprache der Bilder und Gleichnisse handeln muß, die nie genau das darstellen können, was gemeint ist. Aber letzten Endes geht es wohl in den meisten alten Religionen, die aus einer Epoche vor der neuzeitlichen Naturwissenschaft stammen, um den gleichen Inhalt, den gleichen Sachverhalt, der eben in Bildern und Gleichnissen dargestellt werden soll und der an zentraler Stelle mit der Frage der Werte zusammenhängt. Die Positivisten mögen recht damit haben, daß es heute oft schwer ist, solchen Gleichnissen einen Sinn zu geben. Aber es bleibt doch die Aufgabe gestellt, diesen Sinn zu verstehen, da er offenbar einen entscheidenden Teil unserer Wirklichkeit bedeutet; oder ihn vielleicht in einer neuen Sprache auszudrücken, wenn er in der alten nicht mehr ausgesprochen werden kann."

"Wenn du über solche Fragen nachdenkst, dann versteht man ja sofort, daß du mit einem Wahrheitsbegriff nichts anfangen kannst, der von der Möglichkeit des Vorausberechnens ausgeht. Aber was ist nun dein Wahrheitsbegriff in der Naturwissenschaft? Du hast ihn vorhin in Bohrs Haus mit dem Vergleich von der Bahn des Flugzeugs angedeutet. Ich weiß nicht, wie du so einen Vergleich meinst. Was in der Natur soll der Absicht oder dem Auftrag des Piloten entsprechen?"

"Absicht" und "Auftrag"

"Solche Wörter wie ‚Absicht‘ oder ‚Auftrag‘ versuchte ich zu antworten, "stammen ja aus der menschlichen Sphäre und können für die Natur bestenfalls als Metaphern verstanden werden. Aber vielleicht können wir wieder mit unserem alten Vergleich zwischen der Astronomie des Ptolemäus und der Lehre von den Planetenbewegungen seit Newton weiterkommen. Vom Wahrheitskriterium des Vorausrechnens aus war die Ptolemäische Astronomie nicht schlechter als die spätere Newtonsche. Aber wenn wir heute Newton und Ptolemäus vergleichen, so haben wir doch den Eindruck, daß Newton die Bahn der Gestirne in seinen Bewegungsgleichungen umfassender und richtiger formuliert hat, daß er sozusagen die Absicht beschrieben hat, nach der die Natur konstruiert ist. Oder um ein Beispiel aus der heutigen Physik zu nehmen: Wenn wir lernen, daß die Erhaltungssätze, etwa für die Energie oder die Ladung, einen ganz universellen Charakter tragen, daß sie über alle Gebiete der Physik hinweg gelten und durch Symmetrieeigenschaften in den Grundgesetzen Zustandekommen, so liegt es nahe zu sagen, daß diese Symmetrien entscheidende Elemente des Planes sind, nach dem die Natur geschaffen worden ist. Dabei bin ich mir völlig klar darüber, daß die Wörter ‚Plan‘ und ‚geschaffen‘ wieder aus der menschlichen Sphäre genommen sind und daher bestenfalls als Metaphern gelten können. Aber es ist ja auch begreiflich, daß die Sprache uns hier keine außermenschlichen Begriffe zur Verfügung stellen kann ..."

"Ja, ja, die Positivisten können natürlich jetzt einwenden, daß du unklar daherschwafelst, und sie können stolz sein, daß ihnen so etwas nicht passieren kann. Aber wo ist mehr Wahrheit, im Unklaren oder im Klaren? Niels zitiert: ‚1m Abgrund wohnt die Wahrheit.‘ Aber gibt es einen Abgrund und gibt es eine Wahrheit? Und hat dieser Abgrund etwas mit der Frage nach Leben und Tod zu tun?"

Das Gespräch stockte für kurze Zeit, weil im Abstand von wenigen hundert Metern ein großer Passagierdampfer an uns vorbeiglitt, der mit sei-nen vielen Lichtern in der hellblauen Dämmerung märchenhaft und fast unwirklich aussah. Ich träumte einige Augenblicke den menschlichen Schicksalen nach, die sich hinter den erleuchteten Kabinenfenstern abspielen mochten, dann verwandelten sich Wolfgangs Fragen in meier Phantasie in Fragen über den Dampfer. Was war der Dampfer wirklich? War er eine Masse Eisen mit einer Kraftzentrale, einem elektrischen Leitungssystem und Glühbirnen? Oder war er der Ausdruck einer menschlichen Absicht, eine Gestalt, die sich als Ergebnis der zwischenmenschlichen Beziehungen gebildet hat? Oder war er die Folge der biologischen Naturgesetze, die als Objekt für ihre Gestaltungskraft diesmal nicht nur Eiweißmoleküle, sondern Stahl und elektrische Ströme verwendet hatten? Stellt das Wort ‚Absicht‘ also nur den Reflex dieser gestaltenden Kraft oder der Naturgesetze im menschlichen Bewußtsein dar? Und was bedeutet das Wart ‚nur‘ in diesem Zusammenhang?

Von hier wandte sich das Selbstgespräch wieder den allgemeineren Fragen zu. Ist es völlig sinnlos, sich hinter den ordnenden Strukturen der Welt im großen ein ‚Bewußtsein‘ zu denken, dessen ‚Absicht‘ sie sind? Natürlich ist auch die so gestellte Frage eine Vermenschlichung des Problems, denn das Wort ‚Bewußtsein‘ ist ja aus menschlichen Erfahrungen gebildet. Also dürfte man diesen Begriff eigentlich nicht außerhalb des menschlichen Bereichs verwenden. Wenn man so stark einschränkt, würde es aber auch unerlaubt werden, zum Beispiel vom Bewußtsein eines Tieres zu reden. Man hat aber doch das Gefühl, daß eine solche Redeweise einen gewissen Sinn enthält. Man spürt, daß der Sinn des Begriffs ‚Bewußtsein‘ weiter und zugleich nebelhafter wird, wenn wir ihn außerhalb des menschlichen Bereichs anzuwenden suchen.

Für den Positivisten gibt es dann eine einfand Lösung: Die Welt ist einzuteilen in das, was man klar sagen kann, und das, worüber man schweigen muß. Also müßte man hier eben schweigen. Aber es gibt wohl keine unsinnigere Philosophie als diese. Denn man kann ja fast nichts klar sagen. Wenn man alles unklare ausgemerzt hat, bleiben wahrscheinlich nur völlig uninteressante Tautologien übrig.

Die Gedankenkette wurde dadurch unterbrochen, daß Wolfgang das Gespräch wieder aufnahm.

"Du hast vorhin gesagt, daß dir auch die Sprache der Bilder und Gleichnisse nicht fremd sei, in der die alten Religionen sprechen, und daß du deshalb mit der Einschränkung der Positivisten nichts anfangen könntest. Du hast auch angedeutet, daß die verschiedenen Religionen mit ihren sehr verschiedenen Bildern nach deiner Ansicht schließlich fast den gleichen Sachverhalt meinen, der, so hast du formuliert, an zentraler Stelle mit der Frage nach den Werten zusammenhängt. Was hast du damit sagen wollen, und was hat dieser .Sachverhalt’, um deinen Ausdruck zu gebrauchen, mit deinem Wahrheitsbegriff zu tun?"

"Die Frage nach den Werten – das ist doch die Frage nach dem, was wir tun, was wir anstreben, wie wir uns verhalten sollen. Die Frage ist also vom Menschen und relativ zum Meroder gestellt; es ist die Frage nach dem Kompaß, nach dem wir uns richten sollen, wenn wir unseren Weg durchs Leben suchen. Dieser Kompaß hat in den verschiedenen Religionen und Weltanschauungen sehr verschiedene Namen erhalten: Das Glück, der Wille Gottes, der Sinn, um nur einige zu nennen. Die Verschiedenheit der Narren weist auf sehr tiefgehende Unterschiede in der Struktur des Bewußtseins der Menschengruppen hin, die ihren Kompaß so genannt haben, ich will diese Unterschiede sicher nicht verkleinern. Aber ich habe doch den Eindruck, daß es sich in allen Formulierungen um die Beziehungen der Menschen zur zentralen Ordnung der Welt handelt. Natürlich wissen wir, daß für uns die Wirklichkeit von der Struktur unseres Bewußtseins abhängt; der objektivierbare Bereich ist nur ein kleiner Teil unserer Wirklichkeit. Aber auch dort, wo nach dem subjektiven Bereich gefragt wird, ist die zentrale Ordnung wirksam und verweigert uns das Recht, die Gestalten dieses Bereichs als Spiel des Zufalls oder der Willkür zu betrachten. Allerdings kann es im subjektiven Bereich, sei es des Einzelnen oder der Völker, viel Verwirrung geben. Es können sozusagen die Dämonen regieren und ihr Unwesen treiben, oder, um es mehr naturwissenschaftlich auszudrücken, es können Teilordnungen wirksam werden, die mit der zentralen Ordnung nicht zusammenpassen, die von ihr abgetrennt sind. Aber letzten Endes setzt sich doch wohl immer die zentrale Ordnung durch, das ‚Eine‘, um in der antiken Terminologie zu reden, zu dem wir in der Sprache der Religion in Beziehung treten. Wenn nach den Werten gefragt wird, so scheint also die Forderung zu lauten, daß wir im Sinne dieser zentralen Ordnung handeln sollen – eben um die Verwirrung zu vermeiden, die durch abgetrennte Teilordnungen entstehen kann. Die Wirksamkeit des Einen zeigt sich schon darin, daß wir das Geordnete als das Gute, das Verwirrte und Chaotische als schlecht empfinden. Der Anblick einer von einer Atombombe zerstörten Stadt erscheint uns. schrecklich; aber wir freuen uns, wenn es gelungen ist, aus einer Wüste eine blühende, fruchtbare Landschaft zu entwickeln. In der Naturwissenschaft ist die zentrale Ordnung daran zu erkennen, daß man schließlich solche Metaphern verwenden kann, wie ‚die Natur ist nach diesem Plan geschaffen‘. Und an dieser Stelle ist mein Wahrheitsbegriff mit dem in den Religionen gemeinten Sachverhalt verbunden. Ich finde, daß man diese ganzen Zusammenhänge sehr viel besser denken kann, seit man die Quantentheorie verstanden hat. Denn in ihr können wir in einer abstrakten mathematischen Sprache einheitliche Ordnungen über sehr weite Bereiche formulieren; wir erkennen aber gleichzeitig, daß wir dann, wenn wir in der natürlichen Sprache die Auswirkungen dieser Ordnungen beschreiben wollen, auf Gleichnisse angewiesen sind."

"Ja, dieses Denkmodell ist durchaus verständlich", erwiderte Wolfgang, "aber was meinst du damit, daß sich, wie du sagst, die zentrale Ordnung immer wieder durchsetzt? Diese Ordnung ist da oder sie ist nicht da. Aber was soll durchsetzen heißen?"

"Damit meine ich etwas ganz Banales, nämlich zum Beispiel die Tatsache, daß nach jedem Winter doch wieder Blumen auf den Wiesen blühen, und daß nach jedem Krieg die Städte wieder aufgebaut werden, daß also Chaotisches sich immer wieder in Geordnetes verwandelt."

Wir gingen nun eine Zeitlang schweigend nebeneinander her und hatten bald das nördliche Ende der Langen Linie erreicht. Von dort setzten wir unseren Weg auf der ins Hafenbecken ausbiegenden schmalen Mole bis zu dem kleinen Leuchtfeuer fort. Als wir eine Weile am Ende der Mole gestanden hatten, fragte Wolfgang mich ziemlich unvermittelt:

"Glaubst du eigentlich an einen persönlichen Gott? Ich weiß natürlich, daß es schwer ist, einer solchen Frage einen klaren Sinn zu geben, aber die Richtung der Frage ist doch wohl erkennbar."

"Darf ich die Frage auch anders formulieren?" erwiderte ich. "Dann würde sie lauten: Kannst du oder kann man der zentralen Ordnung der Dinge oder des Geschehens, an der ja nicht zu zweifeln ist, so unmittelbar gegenübertreten, mit ihr so unmittelbar in Verbindung treten, wie dies bei der Seele eines anderen Menschen möglich ist? Ich verwende hier ausdrücklich das so schwer deutbare Wort ‚Seele‘, um nicht mißverstanden zu werden. Wenn du so fragst, würde ich mit ja antworten. Und ich könnte, weil es ja auf meine persönlichen Erlebnisse hier nicht ankommt, an den berühmten Text erinnern, den Pascal immer bei sich trug und den er mit dem Wort ‚Feuer‘ begonnen hatte. Aber dieser Text würde nicht für mich gelten."

"Du meinst also, daß dir die zentrale Ordnung mit der gleichen Intensität gegenwärtig sein kann, wie die Seele eines anderen Menschen?"

"Vielleicht."

"Warum hast du hier das Wort ‚Seele‘ gebraucht und nicht einfach vom anderen Menschen gesprochen?"

"Weil das Wort ,Seele‘ eben hier die zentrale Ordnung, die Mitte, bezeichnet bei einem Wesen, das in seinen äußeren Erscheinungsformen sehr mannigfaltig und unübersichtlich sein mag."

"Ich weiß nicht, ob ich da ganz mit dir gehen kann. Man darf seine eigenen Erlebnisse ja auch nicht überschätzen."

"Sicher nicht, aber auch in der Naturwissenschaft beruft man sich ja auf die eigenen Erlebnisse, oder auch auf die der anderen, über die uns glaubwürdig berichtet wird."

"Vielleicht hätte ich nicht so fragen sollen. Aber ich will lieber wieder auf unser Ausgangsproblem zurückkommen, die positivistische Philosophie. Sie ist dir fremd, weil du dann, wenn du ihren Verboten genügen wolltest, von all den Dingen nicht sprechen könntest, von denen wir eben gesprochen haben. Aber würdest du daraus schließen, daß diese Philosophie mit der Welt der Werte überhaupt nichts zu tun hat? Daß es in ihr grundsätzlich keine Ethik geben kann?"

"Das sieht zunächst so aus, aber es ist hier wohl historisch umgekehrt. Dieser Positivismus, über den wir sprechen und der uns heute begegnet, ist ja aus dem Pragmatismus und aus der zu ihm gehörigen ethischen Haltung erwachsen. Der Pragmatismus hat den einzelnen gelehrt, die Hände nicht untätig in den Schoß zu legen, sondern selbst Verantwortung zu übernehmen, sich um das Nächstliegende zu bemühen, ohne gleich an Weltverbesserung zu denken, und dort, wo die Kräfte reichen, tätig für eine bessere Ordnung im kleinen Bereich zu wirken. An dieser Stelle scheint mir der Pragmatismus sogar vielen der alten Religionen überlegen. Denn die alten Lehren verführen doch leicht zu einer gewissen Passivität, dazu, sich ins scheinbar Unvermeidliche zu fügen, wo man mit eigener Aktivität noch vieles bessern könnte. Daß man im kleinen anfangen muß, wenn man im großen bessern will, ist im Gebiet des praktischen Handelns doch sicher ein guter Grundsatz; und selbst in der Wissenschaft mag dieser Weg auf weiten Strecken richtig sein, wenn man nur den großen Zusammenhang nicht aus den Augen verliert. In Newtons Physik ist doch sicher beides wirksam gewesen, das sorgfältige Studium der Einzelheiten und der Blick auf das Ganze. Der Positivismus in seiner heutigen Prägung aber macht den Fehler, daß er den großen Zusammenhang nicht sehen will."

Christlicher Wertmaßstab

"Deine Kritik am Positivismus ist mir, wie du weißt, durchaus verständlich. Aber du hast doch meine Frage noch nicht beantwortet. Wenn es in dieser aus Pragmatismus und Positivismus gemischten Haltung eine Ethik gibt – und du hast sicher recht, daß es sie gibt und daß man sie in Amerika und England dauernd am Werke sieht – woher nimmt diese Ethik den Kompaß, nach dem sie sich richtet? Du hast behauptet, daß der Kompaß letzten Endes immer nur aus der Beziehung zur zentralen Ordnung komme; aber wo findest du diese Beziehung im Pragmatismus?"

"Hier halte ich es mit der These Max Webers, daß die Ethik des Pragmatismus letzten Endes aus dem Calvinismus, also aus dem Christentum stammt. Wenn man in dieser westlichen Welt fragt, was gut und was schlecht, was erstrebenswert und was zu verdammen ist, so findet man doch immer wieder den Wertmaßstab des Christentums auch dort, wo man mit den Bildern und Gleichnissen dieser Religion längst nichts mehr anfangen kann. Wenn einmal die magnetische Kraft ganz erloschen ist, die diesen Kompaß gelenkt hat – und die Kraft kann doch nur von der zentralen Ordnung her kommen –, so fürchte ich, daß sehr schreckliche Dinge passieren können, die über die Konzentrationslager und die Atombomben noch hinausgehen. Aber wir wollten ja nicht über diese düstere Seite unserer Welt sprechen, und vielleicht wird der zentrale Bereich, inzwischen an anderer Stelle wieder von selbst sichtbar. In der Wissenschaft ist es jedenfalls so, wie Niels gesagt hat: Mit den Forderungen der Pragmatiker und Positivisten, Sorgfalt und Genauigkeit im einzelnen und äußerste Klarheit in der Sprache, wird man sich gern einverstanden erklä ren. Ihre Verbote aber? wird man übertreten müssen denn wenn man nicht mehr über die großen Zusammenhänge sprechen und nachdenken dürfte, ginge auch der Kompaß verloren, nach dem wir uns richten können."

Trotz der vorgerückten Stunde legte noch einmal ein kleines Boot an der Mole an, das uns zum Kongens Nytorv zurückbrachte, und von dort konnten wir Bohrs Haus leicht erreichen.

In der nächsten Ausgabe: Der Kampf der Göttinger Achtzehn gegen deutsche Atomwaffen

* Niels Bohr (1885–1962), dänischer Physiker, schuf die Grundlage der modernen Atomtheorie, Entdecker des nach ihm benannten Korrespondenzprinzips. Nobelpreis 1922. Mitglied der Friedensklasse des Ordens Pour le merite.

** Wolfgang Pauli (1900–1958), österreichischer Physiker, lehrte in Zürich, erarbeitete mit dem "Paulischen Ausschließungsprinzip" die theoretische Basis für das Periodische System der Elemente. Nobelpreis im Jahre 1945.