Mit einer Pein bereitenden Peinlichkeit begann es: mit der Ohrfeige, die Beate Klarsfeld dem Bundeskanzler versetzte. Mit Peinlichkeiten ging es weiter: peinlich war das Schnellgerichtsverfahren, in dem das Attentat (über Gebühr) geahndet wurde, nicht aber das in unseren Breiten (so sollte man meinen) beleidigende Wort „Nazi“, und peinlich ist das Buch

Beate Klarsfeld: „Die Geschichte des PG 2 633 930 Kurt Georg Kiesinger. Eine Dokumentation“; mit einem Vorwort von Heinrich Böll; Verlag Joseph Melzer, Darmstadt; 160 S., 10,– DM,

das eine Woche vor dem Fortgang des Berufungsverfahrens und sechs Wochen vor der Bundestagswahl auf den Markt geworfen wurde: peinlich für die Autorin, die, obwohl Historikerin, Seite für Seite bewußt gegen den bewährten Grundsatz sine ira et studio verstößt, peinlich für den Kanzler, der für die von ihm versprochene eigene Dokumentation keinen Autoren fand, peinlich für seine Partei, peinlich für uns alle...

Es hat sich nachgerade herumgesprochen, daß Kurt Georg Kiesinger im Frühjahr 1933 mit 29 Jahren der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei beigetreten ist und seine Mitgliedschaft einzig durch äußere Gewaltanwendung im Mai 1945 beendet wurde. Freilich war er mehr als nur nominell für das Hitler-Regime tätig, weswegen ihn die Amerikaner für anderthalb Jahre hinter Stacheldraht einsperrten. Noch im Januar 1945 hatte ihn, so erfahren wir in diesem Buch, ein Funktionär im Propagandaministerium in einer Eingabe an Goebbels als einen jener Männer gelobt, „die durch ihre Erfahrungen an der Front des Auslandsrundfunks am ehesten wissen, was getan werden muß ...“

Strenggeommen beweist solch ein Zitat noch gar nichts. Kein Geringerer als Eugen Gerstenmaier hat dem Kanzler bescheinigt, er sei gegenüber Angriffen in puncto Vergangenheit nur deswegen „in einer weniger guten Lage, weil es ihm erspart blieb, erkannt, gefaßt und unter den Galgen gestellt zu werden“. Nun muß allerdings Kiesinger ein Meister der Tarnung gewesen sein, denn sogar nach dem 20. Juli 1944 reichte eine Denunziation beim Reichssicherheitshauptamt nicht aus, ihn von seinem verantwortungsvollen Posten als stellvertretender Leiter der Rundfunkpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amts zu entfernen. Es gehörte zu Kiesingers Obliegenheiten, die deutsche Auslandspropaganda, die in mehr als dreißig Fremdsprachen über den Rundfunk verbreitet wurde, zu lenken, zu beaufsichtigen und zu kontrollieren. Er sparte dabei keineswegs mit Lob, wenn sich ein Mitarbeiter hervorgetan hatte. Am 17. Juli 1941 wußte er einem Nachrichtensprecher, der deutsche Propaganda nach Chile verbreiten mußte, nachzurühmen, „daß er mit seiner dynamischen Gestaltung der Nachrichtendienste geradezu ein Sinnbild des zukunftsfrohen und selbstsicheren neuen Deutschland ist“. Diese Selbstsicherheit hatte sich Deutschland auf dem Schlachtfeld angeeignet; schon ein Jahr zuvor, als Kiesinger ausländische Rundfunkberichterstatter durch das besetzte Belgien, Frankreich und Elsaß führte, achtete er darauf, daß den Hörern ein Eindruck gegeben wurde „von der unwiderstehlichen Kraft der deutschen Waffen“.

Was Beate Klarsfeld an Dokumenten, die Kiesingers Unterschrift oder seinen Namen im Verteilerkopf tragen, ausgegraben hat, ist weder neu noch sensationell. Sie schießt weit übers Ziel hinaus, wenn sie in ihrer Interpretation den Kanzler in den Rang eines Kriegsverbrechers erhebt: „Durch aktives Eingreifen sorgte Kiesinger dafür, daß die NS-Kriegsmaschinerie exakt arbeiten konnte. Kiesinger war beteiligt an der Ausweitung und Verlängerung des Krieges.“ Was hat er denn anderes getan als Millionen deutscher Soldaten draußen an der richtigen Front auch: Hitlers Krieg geführt, so gut er konnte, und dem Feind geschadet, wo er nur konnte.

Aber ihn als bloßen Mitläufer zu deklarieren, der ahnungslos in das Verderben marschierte, geht auch nicht an. Kiesinger – der ungestraft und von Dienst wegen ausländische Rundfunknachrichten zur Kenntnis nehmen durfte – war während des Krieges immerhin einer der informiertesten Männer im Auswärtigen Amt. Aber nicht alles, was seinen Schreibtisch passierte, muß er gelesen haben. Er selber hat als Zeuge vor Gericht ausgesagt, daß er, wenn ihm je Nachrichten über die Judenverfolgungen zu Gesicht gekommen seien, diese wohl als Greuelmeldungen klassifiziert hätte. „Direkt, dienstlich, amtlich“ habe er nie etwas über die Massenmorde erfahren.