Feuilleton

+ Weitere Artikel anzeigen

DIE ZEIT

Falsch gerechnet

Es ist kaum drei Wochen her, daß Bundeskanzler Kiesinger aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrt ist – um sechs Milliarden Mark erleichtert, die wir in den beiden kommenden Jahren als Devisenausgleich für die Stationierung der US-Truppen in Deutschland bezahlen werden.

Plädoyer für Kritik

Der Streit zwischen den Unionsparteien und dem Norddeutschen Rundfunk wäre vielleicht weniger dramatisch verlaufen, wenn nicht gerade der Wahlkampf die Parteigemüter erhitzt hätte.

Nichts dazugelernt

Schade, da schien es so, als hätten CDU und CSU erkannt, daß es mittlerweile notwendig ist, dem Osten gegenüber eine andere Haltung einzunehmen als zu Adenauers und Dulles’ Zeiten.

Ruhm und Schande

Man kann gar nicht anders, man muß Ho Tschi Minh und sein kämpferisches Volk bewundern. Da haben sie erst die Großmacht Frankreich geschlagen, dann Präsident Johnson die Möglichkeit genommen, noch einmal zu kandidieren, und schließlich die amerikanische Supermacht gezwungen, ihren Rückzug zu erklären.

Eine europäische Tragödie

Das Prager Drama vollzieht sich mit der Unerbittlichkeit einer antiken Tragödie. Die Regungen des Zorns, des Protestes und des Widerstandes, die den Untergang abwenden sollen, scheinen ihn nur um so sicherer herbeizuführen.

ZEITSPIEGEL

Beate Klarsfeld, durch die Kanzler-Ohrfeige berühmt und straffällig geworden, ist auch aus der Berufungsverhandlung nicht ungeschoren hervorgegangen: Vier Monate Gefängnis, ausgesetzt zur Bewährung.

Die Partei aus Krähwinkel

Zwanzig Jahre waren offenbar doch nicht genug. Zum erstenmal nach zwanzig Jahren hat wieder eine Partei Aussicht, in den Bundestag gewählt zu werden, die zumindest das Signum "rechtsradikal" verdient.

Kein Griff nach den Sternen

Die SPD spürt Rückenwind. Vier Wochen vor der Wahl sind die Auskünfte der Demoskopen nicht entmutigend, nicht einmal ungünstig, und unter Berufung auf sorgfältige Untersuchungen kann Willy Brandt sogar mitteilen, mehr als drei Viertel der Befragten seien der Meinung, daß die Sozialdemokraten Regierungsverantwortung tragen sollten.

Kiesinger gegen Schiller

Der Bundeskanzler hätte Schiller normalerweise gebeten, seinen Hut zu nehmen. Aber in Anbetracht der Bundestagswahl habe er gedacht "Trägst dein Kreuzel noch ein paar Monate.

Wieder auf Nehrus Kurs

Die Krise im Kongreß ist gelöst." Wie aus heiterem Himmel kam am Montag diese Kunde, nach Wochen schärfster Auseinandersetzungen zwischen Ministerpräsidentin Indira Gandhi und den im "Syndikat" vereinten mächtigen Führern des rechten Flügels ihrer Pirtei.

Nixons Vietnam-Dilemma

Im Schneckentempo ziehen sich die Amerikaner aus Vietnam zurück. Ginge der Abzug ihrer Truppen so weiter wie bisher (25 000 Mann in zwei Monaten), so werden: die letzten GIs glücklich im August 1974 die Heimat wiedersehen.

Neue Töne aus Ost-Berlin

Bahnt sich in der Deutschlandpolitik der DDR ein Wandel an? Wer aufmerksam die Äußerungen Ost-Berlins verfolgt hat, kann – sehr vereinzelt – neue Nuancen bemerken.

"Der Kampf geht weiter"

Schande!" oder "Unter dem Stiefel der Okkupanten" – Überschriften dieser Art konnte man dieser Tage in Moskauer Zeitungen lesen.

Abrüstung in Ulster

Besiegte pflegen ihre Niederlage erst zu begreifen, wenn es ans Schleifen der Festungen geht. Für die nordirischen Protestanten, die nach vierzigjährigem erfolgreichen Kampf für ihre Vorrechte nun zurückstecken müssen, sind die B-Specials das Bollwerk, hinter dem sie sich bisher sicher fühlen durften.

Bremer Stadtspekulanten

Wenn sie stammeln und stottern; wenn sie ins Schwafeln geraten; wenn sie sich verheddern im Gestrüpp ihrer Widersprüche; Wenn sie arrogant werden oder weinerlich oder zernig oder schweigsam: Millionen können es hören, Ein Skandal um Maklerprovisionen, Millionenbeträge und um prominente Leute wird vor den Ohren einer nach Millionen zählenden Öffentlichkeit aufgeblättert.

Streit um Adenauers Erbe

In Bonn spricht man von einem Bruderzwist – doch "Brüder im Geiste" waren sie nie: der konservative Ehrenbürger und langjährige Oberbürgermeister der Bundeshauptstadt, Wilhelm Daniels (66), und der Godesberger Rechtsanwalt und Parteiaktivist Alo Hauser (38); der ältere, eifriger Verfechter der Bonner Großraumlösung, und der von seinen Wahlhelfern als "jung" und "dynamisch" charakterisierte Hauser, ein erbitterter Raumordnungsgegner.

Geld, Girls und Go–in

Im Haupteingang des Düsseldorfer Messegeländes steht neben jedem Kartenkontrolleur ein Doppelposten der Polizei, entschlossen, keinem "Störer" den Eintritt in das Acht-Tage-Paradies der "Teenage fair" zu gestatten.

Trödel mit Hitler

Stieg Phönix aus der Asche oder bloß Adolf Hitler aus dem Müll? – um diese Frage ging es vor der siebten großen Strafkammer des Hamburger Landgerichts.

Araber wollen islamische Gipfelkonferenz

Der Brand der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem, nach Mekka und Medina drittheiligste Stätte des islamischen Glaubens, hat die Leidenschaften im Nahen Osten aufgeputscht und den Arabern zu einer neuen Demonstration der Solidarität im Kampf gegen Israel verholfen: In Kairo beschlossen die Außenminister, Botschafter und Sonderbeauftragten von 14 arabischen Staaten am Dienstag, eine panislamische Gipfelkonferenz einzuberufen, die zu einer Einheitsfront aller mohammedanischen Länder gegen Israel führen soll.

Widerstand und Wahrheit

Die britische Regierung hat Nordirland nach den bürgerkriegsähnlichen Unruhen vor zwei Wochen an die kurze Leine genommen. Aber bei Wochenbeginn war noch nicht klar, ob sich die nordirischen Protestanten der Londoner Leitung auch widerstandslos unterwerfen würden.

Dokumente der ZEIT

1. Wer nach dem Inkrafttreten dieses Gesetzes sich an irgendeiner Handlung beteiligt, welche die öffentliche Ordnung stört, wer zu einer solchen Handlung aufruft oder sie unterstützt, wer die Anordnungen eines öffentlichen Funktionärs zur Sicherung der Ordnung nicht befolgt oder sich weigert, die seiner Stellung entsprechenden Pflichten zu erfüllen, und dadurch die öffentliche Ordnung stört oder andere dazu auffordert, wird mit Gefängnis bis zu drei Monaten oder mit einer Geldstrafe bis zu 5000 Kronen oder mit beidem bestraft.

Kiesinger nicht nach Moskau

Nach der Alternative "Aufwertung" oder "Nichtaufwertung" rückte bei Wochenbeginn mit Gerüchten um eine Einladung der Sowjets an Bundeskanzler Kiesinger die Frage "Nach Moskau?" oder "Nicht nach Moskau?" in den Brennpunkt der wahlpolitischen Spekulationen.

Prag unter Notstandsrecht

Seit den blutigen Unruhen am ersten Jahrestag der Besetzung steht die Tschechoslowakei unter Ausnahmerecht (vgl. das Sondergesetz unter "Dokumente der Zeit").

USA bremsen Truppenabzug

Die Entscheidung Nixons, den Abzug weiterer US-Truppen um einige Wochen hinauszuzögern (bis Ende August werden 25 000 von 538 000 Soldaten aus Vietnam zurückgekehrt sein), kam völlig unerwartet.

Rumänien nähert sich Israel

Der Entschluß der rumänischen Regierung, ihre diplomatische Vertretung in Israel in den Rang einer Botschaft zu erheben und damit den rumänischen Vertretungen in den arabischen Ländern gleichzustellen, hat in der arabischen Welt zum Teil heftige Reaktionen ausgelöst.

Wer darf studieren?

Zusammen mit Studenten, Professoren, Soziologen, Berufskollegen in den sogenannten Massenmedien haben auch wir "Bildungswerbung" betrieben – und sind nun also selber schuld, wenn wir keine Antwort finden auf die Frage: Wie und wo sollen all die für "Bildung".

Numerus clausus vor Gericht

Seit einem Jahr werden die Verwaltungsgerichte von einer Prozeßflut überschwemmt: Studenten oder solche, die es werden wollen, klagen gegen den Numerus clausus, der ihnen die Zulassung zum Studium beschränkt.

ZEITMOSAIK

Unser Volk verträgt das nicht: Abgewiesene Zukurzgekommene Versager. Überall hocken sie und lauern auf Rache... Und löffeln Suppen hin und zurück.

Unmenschliches Versagen

Was Robotern und Computern in den Augen vieler Zeitgenossen ein so fürchterliches Flair verschafft, ist die Eigenschaft ihrer Unfehlbarkeit: Irren ist menschlich, Nichtirren computerisch, roboterhaft.

Kunstkalender

1300 Objekte aus dem Museum of the American Indian in New York, dem mit Abstand größten Indianermuseum der Welt. Der enorme Sammeleifer der Amerikaner, ihr Interesse an den Überresten indianischer Kultur stellt eine Art von später Wiedergutmachung dar.

Im Brennpunkt des Gesprächs:: Eine Müdeheldensoße

Das ist längst nicht mehr der urwüchsige Tausendsassa, der Kritik und Publikum aufschreckte, der Artist, der mit nachtwandlerischer Sicherheit auf hohem Seil agierte, der triumphierende Draufgänger, der seine Kraft und Vitalität kaum im Zaume halten konnte.

Jeder Satz exotisch

Ulrich Bechers Anfänge sind verdunkelt vom Schicksal des Emigranten. Mit dreiundzwanzig die Koffer zu packen, ist keine Kleinigkeit.

KRITIK IN KÜRZE

"Über das Volksvermögen" – Exkurse in den literarischen Untergrund, von Peter Rühmkorf. Was der Autor als "Untergrund" bezeichnet, ist Volkspoesie nichtromantischen Schlage: frechfäkalische Kinderverse, zotig parodierte Poesie, verhohnepipelte Schlager- und Operettentexte, aufmüpfige Polit-Verse, vom Volksmund vergackeierte Reklameslogans.

Neues aus Nippon

Der französische Autor, der nach eigenen Worten "sich besser in Tokio auskennt als in Paris", schildert hier, wie sich Japan in 23 Jahren zur dritten Wirtschaftsgroßmacht nach Amerika und Rußland entwickelt hat.

...was unter den Nägeln brennt

Auch die Verlagsprogramme verheißen, was demonstrierende Studenten und Schüler drohend versprechen: Die Protestwelle wird weiterrollen.

Abenteurer der Wahrheit

Mitte der zwanziger Jahre gab der deutsche Verleger Bruno Cassirer bei Karel Čapek eine Masaryk-Biographie in Auftrag. Als der bekannte und angesehene Schriftsteller und Journalist dem tschechischen Staatsmann und Philosophen dies mitteilte, sicherte Masaryk bereitwillig Mitarbeit und Hilfe zu.

Prager Hoffnung

Der 21. August 1968 und nicht minder die Ereignisse am ersten Jahrestag der sowjetischen Invasion haben bei allen, die eben erst ihren Glauben an die Möglichkeit eines demokratischen Sozialismus bestärkt und bestätigt sahen, Erbitterung und Resignation hinterlassen.

Wollt ihr den totalen Sex?

Die Sexwelle in unseren Kinos schwappt immer höher. Allerorten ertönt der gequälte "Schrei nach Lust", treiben "Professor Lust und seine Vögelein" oder "Hugo, der Weiberschreck" ihre müden Spielchen, demonstrieren und exerzieren Fachleute die "Technik der körperlichen Liebe" und Van de Veldes "Leben zu zweit": Fade "Ellenbogenspiele" allesamt, von der endlosen Kette der Engelchen und Schätzchen, der Porno-Grafen und ihrer Jungfrauen, der Nichten und Wirtinnen und Helgas ganz zu schweigen.

Fernsehen: Heile, heile Segen

Sei gepriesen, Frank Buchmann; lieb’ Würmeling, magst ruhig sein; ihr Sing-out-Chöre, jauchzet: Eure Sache steht gut. Kein Gütt, kein Merseburger dräut, die Welt ist wieder hell und heil, niemandes Spott wird künftig die Trachtenvereine verhöhnen, die sich vor Defreggers Segensgruß neigten.

Hoffnung für die Geige

Früher war – wieder einmal – alles viel leichter und viel besser. Vater Leopold Mozart zum Beispiel beschreibt den "Zustand der Musik Seiner Hochfürstlichen Gnaden des Erzbischofs zu Salzburg" Anno 1757: "Es wird kein Trompeter oder Paucker in die Hochfürstl.

FILMTIPS

"Charulata" (1964), von Satyajit Ray. Der Film führt in die Welt des indischen Bürgertums am Ende des 19. Jahrhunderts. Und zwar doppelt: indem er von diesen Bürgern handelt und indem er eine Erzählung ihres Autors Rabindranath Tagore zu Film werden läßt.

Wirklich nur eine Farce?

Wie sich in den Wochen vor der Wahl nun doch die Geister scheiden. "Heute, nach zweieinhalb Jahren nationaler’ Wirtschaftspolitik", so doziert der CDU-Abgeordnete Dr.

Die gestörte Bierruhe

Für die Männer in den deutschen Börsensälen steht daher fest: Schultheiss-Aktien – und andere Brauereipapiere – werden von Interessenten aufgekauft.

+ Weitere Artikel anzeigen