Das Faustpfand der Schnellen Brüter

Von Konrad Müller

Die deutsche Reaktorindustrie baut nicht nur bei Würgassen an der Weser, Stade an der Elbe und Biblis am Rhein große Kernkraftwerke für die Stromerzeugung, seit etwa einem Jahr baut sie auch im Ausland. Die Anlagen für Atucha in Argentinien und Vlissingen in Holland waren ihre ersten Exportaufträge, andere werden sicher bald folgen. Bei einigen internationalen Ausschreibungen sollen nämlich deutsche Unternehmen gegenüber ihren amerikanischen, kanadischen und britischen Konkurrenten eine gute Chance haben. Vielleicht wird die deutsche Industrie sogar den Auftrag für das erste rumänische Kernkraftwerk erhalten.

Amerikanische Unternehmen, die bislang auf dem Weltmarkt für Kernkraftwerke dominierten, reagieren heute leicht nervös, wenn von den deutschen Exporterfolgen die Rede ist. Erst vor knapp 15 Jahren war es der Bundesrepublik erlaubt worden, sich auf dem Gebiet der friedlichen Nutzung der Kernenergie wieder zu betätigen. Damals mußten wir nicht nur bei Null anfangen, sondern wir hatten auch einen Rückstand von mehr als 10 Jahren gegenüber dem Ausland aufzuholen. Die amerikanische Anlage EBRE 1 erzeugte nämlich schon 1951 zum erstenmal elektrischen Strom aus Kernenergie, und 1954 wurde der sowjetische Versuchsreaktor Obminsk mit einer elektrischen Leistung von 5000 Kilowatt in Betrieb genommen.

Heute, fast 15 Jahre nach dem Neubeginn der Kernforschung in der Bundesrepublik, werden in Deutschland genauso wie in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich von Firmen kommerzielle Kernkraftwerke mit einer elektrischen Leistung von mehr als einer Million Kilowatt (1000 Megawatt) gebaut. Daß wir so schnell den Anschluß an die internationale Entwicklung fanden, ist im wesentlichen auf die intensiven Bemühungen von Wissenschaft und Industrie sowie auf eine konsequente Förderung von Forschung und technischer Entwicklung durch die öffentliche Hand zurückzuführen.

Zwang zur Einheit

Die Kernkraft-Union, in der seit dem 1. April 1969 die Kraftwerksbereiche der Firmen AEG-Telefunken und Siemens integriert sind, ist nach vielfach geäußerten amerikanischen Ansichten der einzige Konkurrent auf dem Weltmarkt, den die amerikanischen Reaktorgiganten General Electric und Westinghouse schon heute ernst nehmen müssen. Das gilt nicht nur für den Verkauf der erprobten Leichtwasserreaktoren, sondern ganz besonders auch für die Entwicklung der Schnellen Brüter, die in den achtziger Jahren mehr nuklearen Brennstoff produzieren werden, als sie für die Erzeugung von elektrischem Strom selbst benötigen.

Mit der Gründung der Kernkraft-Union, die bereits zu den größten Unternehmen ihrer Branche in Europa zählt, hat die deutsche Industrie die Konsequenzen aus einer sich seit Jahren abzeichnenden Entwicklung auf dem Energiemarkt gezogen. Der Trend zu Kraftwerksblöcken von mehr als 1000 Megawatt – bislang sind wenig, noch nicht einmal zehn Blöcke mit einer maximalen Leistung von 300 Megawatt in Betrieb und erst zwei von etwa 650 Megawatt im Bau – hat zur Folge, daß bei einem jährlichen Bedarf von etwa 3500 Megawatt in der Bundesrepublik in jedem Jahr zwei bis höchstens drei Turbosätze bestellt werden.

Um diese Aufträge bewarben sich aber Anfang 1969 noch vier Firmen, nämlich AEG-Telefunken, Siemens, BBC und MAN. Sie alle müssen, wenn sie der Entwicklung folgen wollen, in Zukunft für die Fertigung, Prüfung und Entwicklung derartig großer Turbo-Einheiten neue Prüffelder und neue Fertigungshallen bauen. Das bedeutet aber hohe Investitionen, ohne daß auch eine gleichmäßige Auslastung der Produktion gewährleistet wäre. Um in Zukunft rationell arbeiten und auch auf dem internationalen Markt wettbewerbsfähig werden zu können, haben sich daher die AEG-Telefunken und Siemens zusammengeschlossen. Sicher fiel diese Entscheidung den beiden Großunternehmen der Elektroindustrie, die auf anderen Gebieten ihrer Produktion auch weiterhin Konkurrenten sind, nicht leicht, den traditionsreichen Kraftwerksbau aus ihrer „ungeteilten Verantwortung“ zu entlassen.

In Berlin und Mühlheim verfügt die Kernkraft-Union jetzt über drei Produktionsstätten mit einer Gesamtkapazität von jährlich 6000 Megawatt und beschäftigt etwa 8000 Mitarbeiter. Mit dieser Fertigungskapazität kann sie nicht nur den gesamten Inlandsbedarf, sondern auch fast 10 Prozent des Weltbedarfs decken. Darüberhinaus ermöglicht die gemeinsame Kapazität eine sinnvolle Aufgabenteilung, flexible Anpassung an die Bedürfnisse des Marktes, bessere Auslastung des Fertigungspotentials, kürzere Lieferzeiten sowie die wirtschaftliche Fertigung kleiner und größter Einheiten. Aufgrund ihrer produktionstechnischen Voraussetzungen kann die Kraftwerk-Union selbst große Anlagen zu einem international wettbewerbsfähigen Preis anbieten. Damit eröffnet sich ihr zugleich auch die Möglichkeit, stärker als bisher ins Auslandsgeschäft einzusteigen.

Ohne Zweifel wird der Zusammenschluß der Kraftwerksabteilungen von AEG-Telefunken und Siemens auch für den technischen Fortschritt auf dem Gebiet des Kraftwerkbaus von entscheidender Bedeutung sein. Um die elektrische Energie noch zuverlässiger und noch wirtschaftlicher zu erzeugen, müssen auch in Zukunft umfangreiche Forschungs- und Entwicklungsarbeiten durchgeführt werden. Die wachsende Leistung der Turbinen erfordert beispielsweise für die letzten Stufen immer größere Schaufeln.

Im Kernkraftwerk Obrigheim (Neckar) haben sie bereits eine Länge von 750 Millimetern und ihre Spitzen laufen mit einer Geschwindigkeit von 455 Metern je Sekunde. Die Turbine des Kernkraftwerkes Biblis, das für eine elektrische Leistung von 1150 Megawatt ausgelegt ist, wird noch gigantischer sein. Die größten Schaufeln werden einen Durchmesser von 5,8 Metern haben. Turbinenschaufeln dieser Größe, die auch den Beanspruchungen des Betriebs standhalten, mußten jedoch erst entwickelt werden; dabei waren besonders Probleme der Strömung, der Schwingung, der Festigkeit und der Metallurgie zu lösen. Doch niemand weiß, welche Schwierigkeiten noch auf die Industrie zukommen, bevor die ersten gigantischen Turbinen in Betrieb genommen werden.

Ein Kraftwerk ist mehr als die Summe seiner Einzelteile. Es ist eine organische Einheit, die als Ganzes geplant und als Ganzes auch ausgeführt werden muß. Deshalb haben sich Siemens und die AEG-Telefunken in der Vergangenheit nie darauf beschränkt, nur den Turbosatz, die Schutzeinrichtungen, die Warte oder nur den Dampferzeuger zu liefern. Sie waren immer bereit und in der Lage, das Ganze zu übernehmen: die Beratung, die Projektierung, die Bauaufsicht und die Inbetriebnahme. Die Kernkraft-Union will nun diese Tradition fortsetzen. Sie bietet alle Energieversorgungsanlagen an. Ausgenommen sind lediglich Schiffsturbinen, industrielle Dampf- und Gasturbinen sowie Kernreaktoren.

Der Reaktorbau konnte im Hinblick auf die unterschiedlichen internationalen Bindungen von Siemens und AEG-Telefunken zunächst noch nicht in die Kooperation einbezogen werden. Jedoch kann die Kraftwerk-Union jederzeit auf die kerntechnische Entwicklung ihrer Muttergesellschaften zurückgreifen. Die Kernkraft-Union vereinigt so nicht nur das Wissen und die Erfahrungen der Kraftwerkspezialisten zweier Weltunternehmen, sie verfügt auch über das notwendige wirtschaftliche Potential, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können.

Die Gründung der Kernkraft-Union war jedoch nur der erste Schritt zu der seit Jahren geforderten und auch erwarteten Konzentration in der deutschen Reaktorindustrie. Die im April 1969 eingeleitete Entwicklung wurde schon im Mai konsequent weitergeführt. Zwei Ereignisse sind in diesem Zusammenhang von besonders weittragender Bedeutung.

Die Firma Siemens ist an Stelle der North American Rockwell Corp. (Los Angeles/USA) als Gesellschafter in die Firma Internationale Reaktorbau GmbH – Interatom –, Bensberg bei Köln, eingetreten und wird außerdem noch Anteile aus dem Besitz der anderen beiden Interatom-Gesellschafter, nämlich der Demag AG, Duisburg, und der Deutschen Babcock & Wilcox AG, Oberhausen, übernehmen. Durch diese Kooperation wird die seit dem Jahre 1966 bestehende enge Zusammenarbeit zwischen Siemens und Interatom intensiviert und die industrielle Forschung und Entwicklung natriumgekühlter Schneller Brüter in Bensberg konzentriert.

Ziel dieser Arbeiten, die gemeinsam mit dem Kernforschungszentrum Karlsruhe und mit finanzieller Unterstützung des Forschungsministeriums sowie der belgischen, holländischen und luxemburgischen Regierung durchgeführt werden, ist der 300-MW-Prototyp eines Brüterkraftwerks. Mit seinem Bau soll 1970/71 bei Weisweiler in der Nähe von Aachen begonnen werden.

Die Firma Siemens hat außerdem mit der NUKEM Nuklear-Chemie und Metallurgie GmbH (Wolfgang bei Hanau) jetzt die Reaktor-Brennelement GmbH gegründet, die in Zukunft die steigende Nachfrage nach allen Brennelementen für Leistungsreaktoren befriedigen soll. Daher wird die neue Gesellschaft schon in den nächsten Monaten die Schritte einleiten, die für den Aufbau einer international wettbewerbsfähigen Fertigung von oxidischen Brennelementen erforderlich sind.

Daß AEG-Telefunken an diesem Zusammenschluß beziehungsweise an der Neugründung nicht beteiligt ist, erscheint als kleiner Schönheitsfehler, hängt aber letzten Endes mit der engen Bindung von AEG-Telefunken an General Electric zusammen. Jedoch ist vorgesehen, daß zu einem späteren Zeitpunkt AEG-Telefunken die Hälfte der Siemensanteile übernimmt.

Eine starke deutsche Firmengruppe projektiert, baut und liefert somit schlüsselfertige Anlagen – einschließlich Kernkraftwerke – zur Erzeugung von elektrischem Strom und Prozeßdampf für die chemische Industrie, Brennelemente für die Reaktoren, die gesamte maschinen- und elektrotechnische Ausrüstung. Außerdem wird sie sich an der Entwicklung der natriumgekühlten Schnellen Brüter beteiligen.

Die Entwicklung der Schnellen Brüter ist in der Bundesrepublik zwar noch ein bis zwei Jahre hinter der in Großbritannien und Frankreich zurück, doch sieht die amerikanische Reaktorindustrie auch auf dem Gebiet dieser fortgeschrittenen Reaktoren ihren eigentlichen Konkurrenten nur in der Bundesrepublik.

Kurzsichtige Politik

Das hat zwei verschiedene Gründe. Einerseits ist die Entwicklung in den Vereinigten Staaten wegen der etwas restriktiven Politik der amerikanischen Atomenergie-Kommission noch nicht so weit wie in Europa und in der Sowjetunion. Andererseits wurde die Industrie der Bundesrepublik schon in einem relativ frühen Stadium an der Entwicklung beteiligt, so daß sie heute über mehr Erfahrungen, über ein besseres Management und nach der Gründung der Kernkraft-Union auch über ein größeres wissenschaftlich-technisches Potential verfügt als beispielsweise britische oder französische Unternehmen, die teilweise noch unter einem sehr starken staatlichen Einfluß stehen. Die Bundesrepublik könnte daher nach amerikanischer Auffassung in der Lage sein, früher als die anderen europäischen Länder natriumgekühlte Brüterkraftwerke auf dem Weltmarkt anzubieten.

Leider hat sich die Konzentration in der deutschen Reaktorindustrie bislang ausschließlich auf Unternehmen beschränkt, die sich mit der Planung und dem Bau von Leichtwasser-Reaktoren und von Schwerwasser-Reaktoren befassen. Auf dem Gebiet der Hochtemperatur-Reaktoren, einer Weiterentwicklung und Verbesserung des Jülicher Kugelhaufen-Reaktors, hingegen ist es noch nicht zu der volkswirtschaftlich sinnvollen Zusammenarbeit der Firmen BBC/Krupp Reaktorbau GmbH, Düsseldorf, und der Gutehoffnungshütte, Oberhausen, gekommen. Eine kurzsichtige Firmenpolitik steht noch immer der Kooperation entgegen und gefährdet so den technischen Fortschritt.

Nach einer fast zehnjährigen Forschungs- und Entwicklungsarbeit haben die heliumgekühlten und graphitmoderierten Hochtemperatur-Reaktoren im vergangenen Jahr nämlich den entscheidenden Wendepunkt erreicht. Durch den Bau und den Betrieb der Versuchsanlagen von Peach Bottom (USA) und Dragon (Großbritannien) sowie des Jülicher Kugelhaufen-Reaktors wurde die technische Zuverlässigkeit dieses exotischen Reaktorkonzepts bewiesen.

Gegenüber den erprobten Leichtwasser-Reaktoren besitzen die Hochtemperatur-Reaktoren einen beachtlichen wirtschaftlichen Vorteil. Studien haben nämlich Stromgestehungskosten in der Größenordnung von 1,87 bis 1,91 Pfennige je Kilowattstunde bei Anlagen mit einer elektrischen Leistung von etwa 600-Megawatt ergeben. Bei einem vergleichbaren Leichtwasser-Kernkraftwerk liegen sie hingegen bei etwa 2,3 Pfennige.

Der Hochtemperatur-Reaktor ist auf Grund dieser Prognosen langfristig durchaus von großem wirtschaftlichen Interesse und den Schnellen Brütern gleichwertig. Um so unverständlicher ist, daß die deutsche Industrie bis heute nicht erkannt hat, welche Chance ihr dieser Reaktortyp langfristig bietet.

Um den technologischen Fortschritt nicht zu gefährden, muß die Industrie heute ernsthaft in Erwägung ziehen, ihre Aktivitäten bei der Entwicklung und Projektierung von Hochtemperatur-Reaktoren zu konzentrieren. Eine Zusammenarbeit, wie sie in den letzten Monaten zwischen Siemens, AEG-Telefunken, Interatom und NUKEM vereinbart wurde, scheint auch hier durchaus möglich. Die Firmen BBC/Krupp, die das Kraftwerk mit einem Thorium-Hochtemperatur-Reaktor am Rande des Ruhrgebiets projektierten, und GHH, die in Geesthacht einen Hochtemperatur-Reaktor mit einer geschlossenen Heliumturbine baute, könnten stärker als bisher ihre Arbeiten aufeinander abstimmen.

Aber erst eine gemeinsame Brennelemente-Fabrik bietet die Gewähr dafür, daß auch alle wirtschaftlichen Möglichkeiten des Hochtemperatur-Reaktors ausgenutzt werden können. Sollte es nicht bald zu einer Einigung der an dieser Entwicklung interessierten Unternehmen kommen, könnten amerikanische oder britische Firmen früher als deutsche Unternehmen den Hochtemperatur-Reaktor auf dem Weltmarkt anbieten und mit ihm dann das große Geschäft machen.