Filme wie aus dem Underground – Ein neues Ballett von Jerome Robbins – Intrigen aus der New York Times

Von Stanley Kauffmann

Läßt man den Flug von Apollo 11 beiseite, dann war eines der bemerkenswertesten Ereignisse in diesem New Yorker Sommer ein zwar noch unbestimmtes, aber sich stark bemerkbar machendes neues Filmgefühl. In den letzten drei Monaten gab es eine ganze Reihe von amerikanischen Filmen, die fast als Vorboten einer möglichen neuen Ära des Kinos erschienen.

Vielleicht sollte ich den ausländischen Lesern erklären, daß, wenn wir von den New Yorker Intellektuellen sprechen, Kinobesuche in der Vergangenheit gewöhnlich einen etwas schizoiden Charakter hatten: Es gab Unterhaltungfilme, und es gab seriöse Filme. Die ersteren waren gewöhnlich amerikanischer Provenienz, die letzteren Importware. Natürlich gab es auf beiden Seiten Ausnahmen, aber im großen und ganzen war für die New Yorker der Kunstfilm der ausländische Film – sieht man von den camp-Moden oder den speziellen Film-Kulten ab. Doch in den letzten Monaten schien sich hier eine Wandlung anzubahnen. Amerika war eindeutig der populärste Filmproduzent der Geschichte, und es gab vortreffliche amerikanische Filme, aber beim Kunstfilm fehlt Amerika jede Tradition. Die meisten Filme eines jeden Landes sind kommerzieller Quatsch, doch viele Länder entwickelten auch im Kunstfilm eine kleine, feste Tradition. Nicht so die Vereinigten Staaten. Und das könnte sich ändern.

Nicht alle dieser neuen amerikanischen Filme sind gleich gut. Einige sind, meiner Meinung nach, ziemlich dürftig. Aber sie alle scheinen ein Teil eines neuen, ernst zu nehmenden Impulses zu sein, der von einer neuen Generation von Filmemachern und einer sich wandelnden Kultur ausgeht.

Zuerst ist da „Midnight Cowboy“, ein Film, der auf der letzten Berlinale gezeigt wurde. Es stimmt, die Regie führte ein Engländer, John Schlesinger, aber er wurde von einem Amerikaner, Jerome Hellman, produziert, das Drehbuch basiert auf einem Roman des Amerikaners James Leo Herlihy, und seine wichtigsten Aktivposten sind die Darstellungskünste zweier hervorragender junger amerikanischer Schauspieler. Dustin Hoffman, der durch den Film „The Graduate berühmt wurde, spielt jetzt einen verkrüppelten italo-amerikanischen Zuhälter aus dem Stadtteil Bronx. Jon Voight, der hier sein Filmdebüt gibt, der aber bereits am Theater von sich reden machte, spielt einen jungen Texaner, der nach New York kommt, um sein Glück als Prostituierter zu versuchen. Der Film ist im Drehbuch und in der Darstellung nicht frei von Sentimentalitäten, aber das Gefühl der Liebe – im christlichen Sinn – zwischen diesen beiden sozialen Außenseitern wurde ergreifend dargestellt. Und was noch mehr zählt: die enthusiastische Aufnahme des Films ist für Amerika bemerkenswert.

„Last Summer“ von Frank und Eleonor Perry ist weniger interessant; der Film ist didaktisch im Ton und schleppend in der Regie, aber es ist unmißverständlich ein persönlicher Film und nicht bloß ein industrielles Erzeugnis. Er handelt fast ausschließlich von vier Jugendlichen in einem reichen Seebad und stellt zwei vielversprechende Neulinge vor, Barbara Hershey und Catherine Burns.