Von Thorsten Müller

Als Johann Hinrich Wichern 1833 das „Rauhe Haus“ in Horn gründete, lag Horn noch nicht in, es lag noch vor Hamburg; und damit Bestellungen und Waren zwischen Horn und Hamburg vermittelt werden könnten, richtete er Anfang der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Hamburg eine Botenstelle ein – die „Agentur des Rauhen Hauses“, in der Altstadt, Hahntrapp Nr. 7. Im Jahre 1844 gründete Wichern in Horn einen Verlag, in Hamburg eine Buchhandlung, und die etablierte er in eben jener Botenstelle. Damit hatte die Buchhandlung ihren Namen: „Agentur des Rauhen Hauses.“ Sie heißt seit dem 30. September 1960 „Buchhandlung am Jungfernstieg Anneliese Tuchel“; am 15. September 1969 begeht sie ihr 125jähriges Jubiläum.

Die „Agentur“ verbreitete zunächst Bibeln und christliche Druckschriften.

Mit dem neuen Jahrhundert trat 1903 in Ernst Fischer ein Mann auf den Plan, der ihr neue Impulse gab. Der wohl entscheidende Impuls war ein zierlicher, lateinisch gebildeter Schwabe bäuerischer Provenienz: Johannes Paul Meyer, ein Humanist und Pietist, unter dessen literatur- und kunstkundiger Leitung die kleine Sortimentsabteilung der „Agentur des Rauhen Hauses“ zur größten evangelischen Buchhandlung in Norddeutschland wurde. Denn früher als andere hatte Johannes P. Meyer erkannt, daß, sowenig die Welt nur christlich war, sowenig eine christliche Buchhandlung nur mit christlichen Schriften handeln durfte.

Die Buchhandlung der „Agentur“, noch im vorigen Jahrhundert war sie von Hahntrapp Nr. 7 nach Große Bleichen Nr. 31 verlegt worden, nahm einen immer größeren Aufschwung. Neue Geschäftsräume mußten bezogen werden, zunächst am Gänsemarkt 51, dann, 1926, am Jungfernstieg 50, wo die Buchhandlung sich noch heute befindet.

Mitten im Zweiten Weltkrieg, als der deutsche Buchhandel schon weitgehend darniederlag, begann Johannes P. Meyer, unterstützt von dem Hamburger Architekten Bernhard Hopp und dem Feuilletonredakteur Hugo Sieker, Kunstausstellungen zu veranstalten, Ausstellungen solcher Maler wie Friedrich Karl Gotsch, Hans Hermann Hagedorn, Wolf Hoffmann, Rolf Koch, Hans Reiche und Theo Wilhelm, deren Bilder in gefährliche Nähe dessen gerieten, was das nationalsozialistische Deutschland unter „entarteter Kunst“ verstand.

Die Buchhandlung der „Agentur des Rauhen Hauses“ war zu einem Refugium geworden für potentielle und engagierte Gegner der NS-Diktatur. „Das andere Hamburg“ ging bei ihr ein und aus, zum Beispiel die Maler Apelles Sobeczko und Adolf Wriggers, der Musiker Olaf Hudtwalker, die Schriftsteller Louis Satow, Theo Hambroer, Egon Vietta und – verhängnisvollerweise – Maurice Sachs, der einstige Freund Jean Cocteaus und Sekretär André Gides, Sympathisant der Antinazis und Spitzel der Gestapo in einer Person! Und Studenten.