Ein bißchen Konsum, kein bißchen Besitz – Seite 1

Zu Anfang: unbequeme Zahlen

Von Gisela Stelly

Es ist im Jahre 2001. Henry Morgan, Anfang Vierzig, durchquert die Halle, öffnet die Tür einer gläsernen Zelle, schließt sie wieder, drückt verschiedene Tasten; dann setzt er sich und wählt die Nummer. Auf dem Bildschirm vor ihm erscheint ein kleines Mädchen. Es ist seine Tochter. Er spricht mit ihr und gratuliert ihr zum Geburtstag. Beim Verlassen der Zelle erfährt Henry Morgan noch, daß sein Fernsehgespräch zur Erde einen Dollar siebzehn kostet.

Henry Morgan weilt zur Zeit auf Inspektionsreise im Metro-Goldwyn-Mayer-Kino-Weltraum. Die Stimmen von einst, die den Himmel auf Erden wollten und die ersten Himmelfahrten der Menschen verwünschten, sind lange verklungen, und Jupiter ist schon erreicht. Jedoch, wäre Henry Morgan aus Kalifornien Heinrich Müller aus Nordrhein-Westfalen, so hätte er ein nicht minder unbeschwertes Dasein, das dem physikalischen Zustand des Henry Morgan im Weltraum durchaus entspräche.

Seit 1985 arbeitet Heinrich Müller nur noch dreiundzwanzig Wochen im Jahr. Die übrigen neunundzwanzig Wochen hat er Urlaub, der freilich hin und wieder zum Bildungsurlaub umfunktioniert wird. Allerdings, die Regierung erwägt im Rahmen einer fünfzigprozentigen Wohlstandssteigerung eine Beschränkung auf vier Wochen Sommer-, vier Wochen Winter- und zwei Wochen Bildungsurlaub.

Wird es dieses 1985, wie es Experten der sechziger Jahre vorausberechnet haben, jemals geben?

Krone und Land...

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So möglich wie einst schmerzhaft utopisch ist nicht nur die Planetenfahrt geworden. Das Land, wo Milch und Honig fließt, ist in den chemischen Formeln, den mathematischen Gleichungen schon längst erstanden. Was den paradiesischen Zustand zu verhindern droht, bezeichnen die einen als die politische Physik oder die Natur des Menschen, die anderen nennen es Ausbeutung, das Interesse der Herrschenden, das kapitalistische System. Freilich, unseren Urgroßeltern erschiene die Situation des Jahres 1969 so traumhaft fortschrittlich wie uns das Jahr 2001, einem Märchen aus tausendundeiner Nacht nicht unähnlich. Sie würden den "Wohlstandsstaat" glauben und die "nivellierte Gesellschaft". Dennoch ist es nur die gute alte Klassengesellschaft – wenn auch niveauverschoben –, die ihnen die Augen blendet. Es geht nämlich immer noch so zu wie im Märchen: Krone und Land bekommt allein das Königskind, der Knecht muß, sich begnügen. Nur, das Begnügen ist zum Vergnügen umgepolt worden, und es darf gekauft werden.

Trotz aller Beschwörungen häuft sich der Wohlstand weiterhin bei wenigen – bei den meisten bleibt er weiterhin aus.

Es ist bezeichnend, daß sich an der Spitze der westdeutschen Bestseller-Liste seit einigen Wochen ein Buch mit dem Titel "Die Reichen und die Superreichen" behauptet. Der Amerikaner Ferdinand Lundberg analysiert darin die kontrastreichen Vermögensverhältnisse in den USA. Es gipfelt in der Feststellung, daß siebzig Prozent aller Amerikaner "arm" sind. In der Bundesrepublik gibt es dergleichen Aufklärung über die Reichen und die Superreichen bisher nicht.

Ferdinand Lundberg, Sozialwissenschaftler und Professor an der Universität New York, definiert: "Arm ist, wer nicht über einen nennenswerten Besitz verfügt, der wirkliche Erträge abwirft; arm ist weiterhin, wer aus seinem Arbeitseinkommen keinerlei Ersparnisse auf die hohe Kante legen kann oder aber keine wohldotierte, langfristige Position hat. Ein solcher Mensch mag gesund, strahlend und das Entzücken seiner Freunde sein – aber er ist arm." Und so folgert Lundberg abweichlerisch provokant und unorthodox, daß 70 Prozent der Bürger des reichsten Landes der Erde – und der Hälfte der Amerikaner gehören tatsächlich nur 8,3 Prozent des Gesamtvermögens – arm seien.

Übertragen auf die Bundesrepublik Deutschland, auf ein nicht minder reiches Land also, trifft Lundbergs Definition von den "armen Leuten", deren Lebenswerk und einziges Vermögen "Möbel, Garderobe, Fernsehgerät und vielleicht ein Uralt-Auto" sind, ins Schwarze. Hier wie dort ist der Wohlstand der sogenannten Wohlstandsbürger nichts anderes als ein bißchen Konsum; hier wie dort sind Besitz und Reichtum und der Löwenanteil am Gesamtvermögen fest in den Händen einer kleinen – und ziemlich radikalen – Minderheit.

Während also in Amerika immerhin ein Lundberg die Messer wetzt, wird hier noch immer emsig geprobt, "wie wird man reich". Wie auch "du" dazu gehören kannst und "dein Nachbar" auch, das wurde unlängst in einer Nachmittagssendung des NDR-Fernsehens durchgespielt..

Zu diesem Zwecke geschah die Verwandlung der Bundesrepublik in einen Stall für die Hühner mit den goldenen Eiern. Getreu der Kreditbankanleihe wurde das Fazit über 60 Minuten Sendezeit hinweg dramaturgisch entwickelt: Jeder kann zu Geld, zu Eigentum kommen, er muß nur die Tricks kennen. Und die werden ihm freilich an jeder Straßenecke angeboten.

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Können wirklich jene Kredit- und Abschreibungstricks den westdeutschen Wenigverdienern – 62 Prozent aller Haushalte haben ein Nettoeinkommen von höchstens 800 bis 900 Mark im Monat – weismachen, sie könnten das sein, was ihnen seit dem ersten Schultag versprochen wurde – nämlich ihres Glückes Schmied? Sie könnten, wie in einer Arbeitgeber-Wahlbroschüre zu lesen ist, werden, was sie wollen – also "auch Millionär"? Oder sind es immer noch jene patriarchalischen Appelle an die "echte Freiheit, das tun zu dürfen, was man soll" (CDU-Wirtschaftstag 1965), die den Leuten durch Mark und Bein gehen und sie mucksmäuschenstill machen?

Wie steht es um "die gleichen Chancen", den "Wohlstand für alle" oder gar um den "Versorgungsstaat"?

Es ist schon oft beklagt worden, daß nur acht Prozent der Abiturienten und Studenten aus den unteren Schichten kommen. Unerwähnt bleibt indes, daß 14 Prozent der Bundesbürger von einem Einkommen leben müssen, das nicht einmal den Fürsorgesatz von 250 Mark für eine alleinstehende Person und 500 Mark für einen Haushalt erreicht; daß fast ein Drittel aller Haushalte mit 500 bis 600 Mark monatlich auskommen müssen; daß nur 4,1 Prozent aller Haushalte ein Nettoeinkommen von mehr als 2000 Mark haben. Ein Staat, in dem 47,3 Prozent der Arbeiter und 67,4 Prozent der Angestellten weniger als 350 Mark Rente beziehen, ist kein "Versorgungsstaat".

Wer aber ist dann versorgt in diesem Staat?

Von den 922 Milliarden Mark westdeutschen Sachvermögens haben sich die Selbständigen und die Unternehmer – das sind nur 11,5 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung – den Löwenanteil von 429 Milliarden Mark, fast die Hälfte also gesichert. Und es gibt Unternehmer, die unangefochten sagen können: "Soziale Gerechtigkeit – was ist das? Das gibt es gar nicht" und die trotzdem finden, den Leuten sei es noch niemals so gut gegangen wie heute.

Und wie gut geht es ihnen nun?

Sie haben nichts

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Der Gegensatz von realem Einkommen und Wohlstandsreklame, von übermäßig vielen Nichtbesitzern und übermäßig wenig Reichen – er macht die Mehrzahl der Leute wieder arm. Wenn man sich ein Auto kauft, nur um zu zeigen, daß man sich eins kaufen kann, dann ist man arm. Und wenn alle Arbeitnehmer mit zusammen nur 160 Milliarden Mark an den 922 Milliarden Sachvermögen beteiligt sind – und zwar ausschließlich mit Konsumgütern wie Waschmaschinen, Fernsehgeräten, Haushaltsausstattungen, die ja nicht im mindesten Eier produzierende Hühnereigenschaften haben –, dann haben alle Arbeitnehmer wie eh und je: nichts.

Aber man ist mit Vorurteilen schnell bei der Hand. Wer den zählebigen Spruch von den Leuten, denen es noch nie so gut gegangen sei, als puren Zynismus empfindet, wird schnell zu einem romantischen Wirrkopf oder zu einem kriminellen Radikalen abgestempelt. Die Kritiker meinen, die objektiven Möglichkeiten der mittlerweile technisch hoch entwickelten Produktion seien so beschaffen, daß jeder mehr verdienen, jeder weniger arbeiten, jeder billiger kaufen könnte. Ein solches Paradies auf Erden freilich kann es erst dann geben, wenn Mittel und Möglichkeiten der wenigen, sich auf Kosten der vielen zu bereichern, abgeschafft würden.

Bisher gibt es kein Modell, in dem dieser Fall einmal durchgerechnet worden wäre. Bisher gibt es nur die eine offizielle Rechnung, daß nämlich denjenigen, die genug Hühner besitzen, die automatische Brutanlage auch noch gratis geliefert wird.

Die Subventionen und Steuervergünstigungen begünstigen nur die ohnehin Vermögenden. Unsere Steuergesetzgebung ist aus Paragraphen gefertigt, die biegsam sind und besonders unter Unternehmerhänden geschmeidig werden. So kommt es, daß statt des vorgesehenen Spitzensteuersatzes von 53 Prozent bei der Einkommenssteuer tatsächlich im Durchschnitt nur ein Satz von rund 42 Prozent angewendet wird. Es ist auch nicht unmöglich, was unmöglich zu sein scheint, "daß nämlich von einem im Mercedes 600 kutschierenden Unternehmer allein sein Chauffeur Steuern zahlt". So formulierte es Hermann Fredersdorf, der Vorsitzende des Bundes Deutscher Steuerbeamter.

Wie wenig sozial zudem die Besteuerung ist, rechnete der Steuerfachmann kürzlich vor: Bei einem Monatseinkommen von 800 Mark brutto ergibt die Steuervergünstigung für zwei Kinder 45,60 Mark; bei einem monatlichen Bruttoeinkommen von 5000 Mark aber beträgt sie mehr als das Doppelte, nämlich 95,80 Mark.

Es gibt nun aber kaum etwas, was die Reichel so geheimhalten wie die sprudelnde Quelle ihres Reichtums. Für die "Arbeitsgemeinschaft für Gehaltsforschung" (am Kölner Institut für Sozialforschung) interessierte sich zum Beispiel gleich die politische Polizei, als sie versuchte, den Geldfluß bei den Managern auszuloten. Er reicht von 606 458 Mark im Jahr bis "hinab" zu 299 287 Mark. Und während ein Arbeiter der Automobilindustrie im Rezessionsjahr 1967 monatlich 22 Mark weniger verdiente, waren die Vorstandsbezüge in der gleichen Branche und zur gleichen Zeit um 12 000 Mark höher als im vorangegangenen Jahresdurchschnitt.

Fürchten gelehrt

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Die Rezession hat den kleinen Mann wieder das Fürchten gelehrt und den Unternehmern die Taschen gefüllt. Und das war offenbar durchaus "gewollt". Bundesschatzminister Schmücker: "Die gewollte Rezession hat ... das Arbeitskräftepolster abgebaut, der Mißbrauch der Sozialversicherung ging zurück, und die Arbeitsproduktivität stieg." Eine dicke Haut muß schon haben, wer das nicht zynisch findet.

In Angst und Schrecken versetzt, reagierten die Arbeiter prompt. Für 1968 konnten die Unternehmer Rekordgewinne stoppen: 6,7 Prozent mehr Dividende wurden gezahlt. Demgegenüber haben sich die Lohnkosten in der Industrie von 1966 bis 1968 um 8 Prozent vermindert.

"Man muß es nur wollen", sagte Fabrikbesitzer, Vorstandsmitglied, Aufsichtsratsmitglied und Millionär B. und meinte damit das Geld, die Macht und die Herrlichkeit. Und obwohl er es besser weiß, so sagt er’s doch, weil der Mann A. es vielleicht glaubt. Die großen Vermögen in Westdeutschland sind nicht entstanden, weil "man es wollte", sondern weil Gesetze und die Subventions- und Steuerpolitik "es wollten".

Ein ziemlich gutes Beispiel dafür, wie sicher Geld zum Gelde fließt, ist immer noch der private Wohnungsbau. Westberlin bietet hier eine sonst selten zu beobachtende Transparenz der Abschreibungs-Monstrositäten. In einer kritischen Broschüre über die Stadt heißt es: "Investiert ein Spitzenverdiener 330 000 Mark im Berliner Wohnungsbau, so werden die restlichen zwei Drittel, die zu einer Million fehlen, fast durchweg mit geliehenem Geld finanziert. Der Geldgeber bekommt also im Endeffekt einen Gegenwert von einer Million Mark – sobald die Schulden durch die Mieteinnahmen verzinst und getilgt worden sind. Aber nicht nur das, dieser private Geldgeber braucht in den ersten zwei Jahren die Hälfte dieser Million, also 500 000 Mark, nicht zu versteuern. Bei dieser Rechnung werden nicht etwa die 330 000 Mark zugrunde gelegt, die der Geldgeber wirklich von seinem Geld angelegt hat, sondern das von Banken und Staat geliehene Geld wird einfach mitgerechnet..."

Da der Spitzenverdiener 50 Prozent seines Einkommens versteuern muß, jedoch 500 000 steuerfreie Mark abschreiben kann, spart er innerhalb von zwei Jahren 250 000 Mark. "Wenn wir diese Zahl mit den ursprünglich investierten 330 000 Mark vergleichen, so stellt sich heraus: Der Geldgeber hat sich für 83 000 Mark in den Besitz eines Wohnhauses gebracht, das eine Million kostet..."

Es muß nicht das Steuer-Babel Westberlin sein, wo halb leer stehende Neubauten den subventionsfetten Bauherren noch Gewinne bringen. Auch in Westdeutschland sind es der Staat und die Mieter, die gemeinsam für die späteren Besitzer "anschaffen".

Wenn Banken und der Staat mit Hilfe von Krediten und Abschreibungen ihre Schuldigkeit getan haben, dann ist es am Mieter, die Schulden abzutragen: Baukostenzuschüsse und hohe Mietpreise löschen nach zehn, nach zwanzig oder nach dreißig Jahren Schulden, Zins und Zinseszinsen. Haus und Mieten freilich gehören niemand anderem als dem alsbald schuldenfreien Eigentümer – wie es das Recht auf Privateigentum eben will.

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Die Stärke dieser Politik der hohen Mieten und Baukostenzuschüsse ist die Ohnmacht der Mieter. Es gibt zuwenig Wohnungen und zu teure. Um einen Vergleich zu ziehen: Von 1963 bis 1968 sind die Ausgaben eines vierköpfigen Arbeitnehmerhaushalts um 29,7 Prozent gestiegen, die Mietausgaben jedoch um 73,3 Prozent, hervorgerufen vor allem durch wachsende Bodenpreise, durch Bauspekulation. Allein in den vergangenen zehn Jahren ist der Bodenpreis um 600 Prozent gestiegen. Schon ist es "nicht mehr ungewöhnlich, daß der Boden teurer ist als das darauf errichtete Haus", wie der "Spiegel" schrieb. Die Bodenspekulation, die bislang weder durch Gesetz noch durch Besteuerung verhindert worden ist, behindert notwendige Sanierungen, treibt die Preise weiter in die Höhe und bringt den Eigentümern ungerechtfertigt hohe Gewinne.

Dem Lücke-Plan zufolge sollen in der Bundesrepublik und in Westberlin die rund 20 Millionen Wohnungen den annähernd 20 Millionen Haushalten die Waage halten. Erfährt man, daß "acht Millionen Wohnungen menschenunwürdig" sind, dann weiß man, auf wessen Rücken der Balanceakt gewippt wird – abgesehen davon, daß die statistische Grundlage des damaligen Bundeswohnungsbauministers falsch gewesen ist.

Da sind die "Wohngelegenheiten" – 789 000 Behelfsheime, Baracken, Wohnungen, amtlich definiert als "zum Wohnen benutzte einzelne oder zusammenliegende Räume in Wohn- und Nicht-Wohngebäuden ohne eigene Küche oder Kochnische, ferner Kellerwohnungen und alle Wohnmöglichkeiten in Unterkünften".

Da sind die "Slums auf dem Lande" – die Hälfte all dieser Häuser haben keine Innentoiletten, zwei Drittel haben keine Dusch- und Badevorrichtungen, nur in jedem zehnten Haus sind Bad und Sammelheizung installiert. Im allgemeinen Durchschnitt hat jeder dritte Haushalt weder Dusch- noch Bademöglichkeiten.

Da sind die 250 000 Menschen, die zu fünft oder mit noch mehr Personen in Zweizimmerwohnungen leben; die Obdachlosen, deren Zahl zwischen 500 000 und einer Million schwankt und von denen 300 000 noch Kinder sind. Die Anzahl der "nicht Seßhaften" ist im vergangenen Jahr um 35 Prozent gestiegen; die Auffangheime der Großstädte und die Obdachlosenasyle sind voll. Viele Städte rüsten sich mit neuen Ausgaben, um dem Andrang der Opfer "Weißer Kreise" gewachsen zu sein.

Nach der Rezession war es die Kündigung des Arbeitsplatzes, jetzt ist es der Verlust der Wohnung, der für mehr als die Hälfte aller Obdachlosen den totalen sozialen Abstieg bedeutet.

Das relative Elend

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Und wer jemals so weit unten gelandet ist, der kommt kaum wieder auf die Beine; denn wenn auch "neunzig Prozent aller Obdachlosenkinder gern woanders wohnen würden", so wollen doch achtzig Prozent der "normalen" Kinder schon nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Die Verachtung durch die Umwelt, die physische Belastung durch die allen Gesundheitsprinzipien spotten den Wohnverhältnisse, dazu die psychische Beklemmung, die die triste Umgebung bewirkt das alles ist für die Hälfte aller dieser Kinder die Ursache, schon in der Volksschule zu scheitern.

Wenn von "sozialem Elend" die Rede ist – im Fernsehen, in den Illustrierten, in den Zeitungen, wo auch immer –, dann sind das unweigerlich immer nur die Nissenhütten, die Zehn-Kinder-Familien in Abbruchwohnungen, anachronistische Überbleibsel sozusagen; dann wird das Elend der "paar wenigen" aus den asozialen Winkeln der Großstädte zum guten Gewissen derjenigen, die glauben oder glauben machen wollen, es gäbe sonst nur gleichberechtigte Wohlstandspartner. Und so ist es dann die Funktion der "paar wenigen", Pflichtbewußtsein, christliche Nächstenliebe und den Argusblick öffentlicher Organe an sich demonstrieren zu lassen.

Das relative Elend der vielen hingegen ist keine packende Sache, ist kein Thema, das anrührt. Es ist eben ganz normal, wenn ein Siebentel der Westdeutschen ein Einkommen hat, das dem Fürsorgesatz entspricht, oder nicht einmal das; wenn ein Drittel aller alleinstehenden Frauen über fünfundsechzig ein Einkommen von weniger als 200 Mark hat; wenn das Jahreseinkommen der unteren 33 Prozent (29 Milliarden Mark) dem Jahreseinkommen der oberen 4,1 Prozent (29,3 Milliarden Mark) entspricht.

Es ist auch normal, daß von 1950 bis 1967 dreizehn Millionen Arbeiter nur 27 Milliarden Mark Vermögen erworben haben – jedoch nur 2,79 Millionen Selbständige mehr als 61 Milliarden Mark ihr eigen nennen.

Und das alles ist so normal, weil es normal ist, daß kaum jemand durchschauen kann, was eigentlich gespielt wird; daß einer offenbar erst Experte werden muß, ehe er aus der Wirrnis der Zahlen seine Abhängigkeit herauszulesen vermag. In den Zeitungen wird er kaum etwas finden – und wollte er gar die Statistischen Jahrbücher lesen, müßte er einen sorgsam verschlüsselnden Code ganz eigener Prägung enträtseln.

In der nächsten Folge: Wer ist "arm"?

– Stereo-Anlage und Kultur-Fahrplan

– Gehalt: 2050 Mark, doch was bleibt?