Von Klaus Theweleit

Das sechste internationale Chanson- und Folklore-Festival auf der Waldeck war als Folge der letztjährigen Auseinandersetzungen um den Sinn von bloßen Konzertveranstaltungen diesmal als ein Arbeitstreffen mit Musik- und Theaterbeispielen geplant. Titel: "Gegenkultur." Vorbereitet von der "Projektgruppe Waldeck", die sich aus dem österreichischen Sänger Rolf Schwendter, dazu Mitarbeitern der Subkultur-Zeitschrift "Song" und anderen zusammensetzt. Eingeladen waren Fachmänner und Journalisten. Das Programm sah vor: tagsüber Workshops mit Referaten, Beispielen, Diskussionen, von 20 Uhr an Konzertdarbietungen, nach 24 Uhr Beat.

Die Beatbands waren nicht eingeladen, um nach den Diskussionen zu Vergessen und Tanz aufzuspielen, sondern unter dem Aspekt, wie Beat für die politische Agitation nutzbar gemacht werden könne. Das ging schief, es kamen mehr Bands, als eingeladen waren, und machten Musik, ohne sich um solche theoretischen Forderungen zu kümmern. Das Festival steckte voller Widersprüche, sowohl von der Publikumsstruktur wie von der Künstlerzusammensetzung oder von der Themenstellung der Workshops her.

Die meisten Workshops litten darunter, daß es zuwenig oder gar keine Teilnehmer gab, die über praktische Erfahrungen zum behandelten Thema verfügten. Workshop I "Arbeiterkultur" fiel dem völlig zum Opfer. Der Amsterdamer Komponist Konrad Boehmer formulierte das in seinem Absagebrief vorausschauend so: "... zur Arbeiterkultur kein einziges Wort zu verlieren, es sei denn, man stimme ins bekannte Klagelied über ihre Nicht-Existenz ein, aus welcher endlich die politischen Konsequenzen gezogen werden sollten, für die die Hunsrück-Einsamkeit jedoch nicht der rechte Ort ist."

Das bestätigte sich voll und ganz. Bei einem Workshop der dem Thema "Politbeat–Kabarett Straßentheater" gewidmet sein sollte, trat nur die "Münchner Song-Gruppe und der Kabarettist Bogner auf. Die Münchner Song-Gruppe singt auf der Straße und vor Betrieben für die ADF/DKP. Musikalisch würde sie von jedem mittelmäßigen Berufsgitarristen mühelos übertroffen. Im Stil von sing-out wird Werbung für die KP-Betriebsgruppen betrieben. Rezept: Heintje + bessere Texte = Bewußtseinsänderung,

Bogner zeigte sich als Kabarettist alter Schule. Er ist angewiesen auf die Bühne, die zur isolierten Instanz wird. Vom Material her progressiv und wirklichkeitsnah: Werbesprüche, Gesetzestexte, kaum Pointen. Den Zuhörern erzeugte das aber nur ein Gefühl des Bedrohtseins, der Ausweglosigkeit. Die beim Zuhören aufgestaute Aggression entlud sich auch gleich auf das Kamerateam, dessen Anwesenheit mit einem Male als störend empfunden wurde. Von "Gegenkulturen, Agitationen" also nichts.

Ansätze davon gab es nur in Berichten: Günter Wallraffs Reportage über seine Erfahrung nach sechswöchiger Arbeit bei Blohm & Voss, die von der Polizei verboten wurde, und Berichte von theaterartigen Vorlesungssprengungen, die in der Lage waren, festgefahrene Verhaltensstrukturen aufzulockern.