ZEIT: Herr Minister, die Welle der wilden Streiks hat im Wahlkampf neue, dramatische Akzente gesetzt. Die Unzufriedenheit mit der „sozialen Symmetrie“, vielleicht auch die Enttäuschung über die unterbliebene Aufwertung, die manche ihrer Befürworter als Gewinnausschüttung für den „kleinen Mann“ bezeichnen, gehörten sicher zu den wichtigsten Faktoren, die zum Ausbruch dieser überraschenden Arbeitsniederlegungen geführt haben.

Strauß: Es kam überraschend. Ich sehe zunächst zwei äußere Anlässe. Einmal führte der letzte Tarifabschluß in der Metallindustrie zu unterschiedlicher Erhöhung der Löhne. Das hat zu Verärgerung und Reizbarkeit geführt. Außerdem können wir soviel sagen, daß ein Teil der Arbeiter der Hoesch-Werke auch systematisch von einem Mitglied der APO, einem Studenten der Physik im siebten Semester, bearbeitet und aufgehetzt worden ist.

ZEIT: An dieser Version sind inzwischen doch ernsthafte Zweifel angebracht.

Strauß: So lautet die Mitteilung, die wir vom Staatssekretär Dr. Vogel aus dem Bundesschatzministerium bekommen haben. Zum zweiten, und das halte ich für wichtiger, ist leider immer wieder von einer Preislawine die Rede gewesen, von der drohenden Inflation, die nach den Wahlen in voller Schärfe spürbar werde. Diese Behauptung ist einfach falsch. Aber man hat mit diesen ernsten Dingen wahlpolitischen Scherz getrieben. Man hat gesagt, daß Lohnerhöhungen ...

ZEIT: Ihre Partei hat die Inflationsangst der Deutschen früher im Wahlkampf ebenfalls geschürt.

Strauß: ...daß Lohnerhöhungen gewissermaßen eine Kompensation für Preiserhöhungen seien. Und nicht zuletzt möchte ich hier in dem Zusammenhang an das aus der Verärgerung und der Verbitterung heraus gesprochene Wort des Bundeswirtschaftsministers erinnern, daß nach dem Nein zur Aufwertung nunmehr massive Lohn- und Gehaltserhöhungen angebracht seien.

ZEIT: Herr Minister, glauben Sie nicht, daß bei den Arbeitern nicht eher die Vorstellung eine Rolle gespielt hat, daß die Stahlindustrie, die jetzt riesengroße Gewinne macht – Betonstahl ist nur noch auf dem schwarzen Markt zu bekommen – am leichtesten kurz vor der Wahl zur Kasse gebeten werden kann?