DIE ZEIT

Defreggers Schatten

Auch mancher schlechten Dinge sind drei – wie der Fall des Münchner Weihbischofs Matthias Defregger lehrt. Zum drittenmal wird gegen den ehemaligen Hauptmann wegen des Blutbades von Filetto ermittelt werden.

Keine Spur von Jalta

Als Richard Nixon ins Weiße Haus einzog, versprach er eine "Ära der Verhandlungen" statt des "Zeitalters der Konfrontation".

Bilanz der Großen Koalition

Nun geht also das Experiment der Großen Koalition zu Ende, jener Regierungskombination, bei deren Beginn die Mehrheit aller Kommentatoren meinte, sie beseitige jegliche Voraussetzung wirksamer Machtkontrolle und werde das Funktionieren des Parlamentarismus derart stören und behindern, daß es schließlich zur Machtergreifung des Proporz in Permanenz kommen müsse.

Verschaukelt?

Den großen Eklat vor der Wahl haben beide Partner der Großen Koalition gescheut. In der letzten Kabinettsitzung vor dem 28. September behandelten sie die Tarifforderungen des öffentlichen Dienstes und faßten den einstimmigen Beschluß, daß Innenminister Benda Verhandlungen aufnehmen soll; gleichzeitig aber wurde festgelegt, daß diese Verhandlungen erst nach der Wahl abgeschlossen werden können.

ZEITSPIEGEL

Der Stuttgarter Rechtsanwalt Ulrich Cassel hat in vier Fällen Strafanzeige gegen den Stuttgarter CDU-Geschäftsführer, Gerhard Heinze, sowie den CDU-Vorsitzenden, Ministerialrat Dr.

Die Wahlzwillinge in der Wahlnacht

Sonntag, 19. September 1965, 21 Uhr 32. In der Bundesrepublik sitzen 17 Millionen Menschen vor den Fernsehschirmen und warten auf das Ergebnis der Bundestagswahl.

„Der Kerl mit dem Schnurrbart – raus!“

Vor vier Jahren galt er nördlich des Weißwurst-Äquators noch mancherorts als Persona non grata, ließ ihn die Hamburger CDU nicht durch die Tore der Hansestadt, fühlte er sich verfolgt und zu Unrecht verfemt und sagte jedem, der es hören wollte: Ein Ministersessel bedeute ihm nicht die Erfüllung seines Lebens.

Kabinettsbildung und der Bundespräsident: Was darf Heinemann?

Gustav Heinemann wird sich vom Sonntagabend bis zum frühen Montagmorgen im Präsidialamt bereithalten, um sofort erreichbar zu sein, falls schon in der Wahlnacht der Parteienwettlauf um die künftige Koalition und den künftigen Kanzler beginnt.

Wahlrecht für wenige

Dreimal seit der Gründung der Bundesrepublik ist das Wahlrecht entscheidend geändert worden. Das erste Bundeswahlgesetz galt nur für die Bundestagswahlen 1949.

Gemäßigt bis stürmisch

Noch im Sommer glaubten viele, dieser Wahlkampf werde unter dem Vorzeichen der Großen Koalition ein lasches Scharmützel werden wie vorsichtige Boxer, so dachte man, würden Christdemokraten und Sozialdemokraten nur umeinander herumtänzeln, nicht aber aufeinander einschlagen.

Die Zweitstimme zählt

Sie haben zwei Stimmen“, so steht es auf den Stimmzetteln zur Bundestagswahl. Die Annahme freilich, diese beiden Stimmen seien gleichwertig, ist falsch.

Sie säen, aber sie ernten nicht

Sie wollen die DDR und die Oder-Neiße-Linie anerkennen, den Atomsperrvertrag unterzeichnen, ein europäisches Sicherheitssystem schaffen, sie wollen den Vormarsch der NPD stoppen, den "Bürger in Uniform" in seinen Rechten stützen, sie wollen unsere Gesellschaft in allen Lebensbereichen demokratisieren – Ziele also, die sich vernünftig begründen lassen, die vielen Menschen in diesem Lande zusagen, die auch mehr oder weniger von Vertretern der großen Parteien gutgeheißen werden.

Im Winter in Moskau?

Schon nach der Übergabe der sowjetischen Note zum Gewaltverzicht hatte Botschafter Zarapkin Staatssekretär Duckwitz bedeutet, einer Begegnung Willy Brandts mit dem Außenminister Gromyko in New York stehe nichts im Wege.

Tropfen-Therapie für Vietnam

Mit homöopathischen, in Tropfen verabreichten Dosen bleibt Präsident Richard Nixon um eine Herabstufung des Krieges in Vietnam und um die Linderung der Schmerzen bemüht, die der Konflikt dem amerikanischen Volk zufügt.

Schaffen, sparen, knausern...

Wie "schwäbisch" können die Franzosen sein? Sie werden sich die größte Mühe geben müssen, wenn sie die "Schwabentugenden" verwirklichen wollen: "Schaffen, schaffen, knausern.

Machtkampf um Mao?

Das offizielle China dementiert alle Meldungen, daß Mao Tse-tung tot sei oder im Sterben liege. Doch gibt es in Peking genügend Anzeichen dafür, daß Maos „politische Gesundheit“ alles andere als zufriedenstellend ist.

Wenig Lust zu Europa

Solange de Gaulle regierte und eisern an seinem „Non“ festhielt, bekannten sich die Briten nicht weniger hartnäckig zum „Yes“.

Aufruhr um heilige Kühe

Während die Feiern zum hundertsten Geburtstag Mahatma Gandhis näherrücken, wurde das Vermächtnis des Propheten der Gewaltlosigkeit, die Versöhnung der Muslims und Hindus, am Wochenende der schwersten Belastungsprobe seit Bestehen der Indischen Union unterworfen.

Bonner Geheimtip: die kleine Koalition

Fünf Tage vor der Bundestagswahl rückte die FDP von ihrer Devise „Nach allen Seiten offen“ zum erstenmal ab. Vorsitzender Walter Scheel erklärte: „Wenn der Wähler es will und möglich macht, wird die FDP den fälligen Machtwechsel vollziehen.

Der letzte Appell

Zum letztenmal demonstrierte das Kabinett der Großen Koalition Einmütigkeit. Am Dienstag hat es einstimmig Bundesinnenminister Benda ermächtigt, mit den Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes noch diese Woche über eine Neuregelung der geltenden Lohn- und Vergütungstarife zu verhandeln.

Dokumente der ZEIT

Auszüge aus der Rede, die Präsident Nixon am 18. September 1969 vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen gehalten hat.

Kreml will über Berlin reden

Die Sowjetunion ist zu konkreten Gesprächen über Berlin, die Deutschlandfrage und den Austausch von Gewaltverzichtserklärungen bereit.

Prag: Neo-Stalinismus?

Kurz vor der Plenarsitzung des tschechoslowakischen Zentralkomitees, die am Donnerstag beginnen sollte, gingen die Auseinandersetzungen innerhalb der Führungsspitze unvermindert weiter.

Muslims auf dem Gipfel

Der Brand in der Al-Aqsa-Moschee hat bewirkt, was in der 14 Jahrhunderte alten Geschichte der islamischen Weltreligion seinesgleichen sucht: eine Gipfelkonferenz der islamischen Staaten.

Wer die Wahl hat...

Wir haben uns übrigens darüber hinweggesetzt, daß Kultur „Ländersache“ ist: weil das ja eigentlich nichts ändert an der Stimme von zehn Leuten, von denen vier zur F.

Nichts Harsches über den PEN-Club

Gerade diesmal ist das leichter als sonst: Entgegen allen anderslautenden Berichten und Gerüchten fanden sämtliche für den Internationalen Kongreß des PEN in Menton angekündigten Trojanischen Kriege nicht statt – und das durchaus nicht auf Grund von Leisetretereien oder Vertuschungen, sondern erfreulicherweise in guter Gesinnung, nach guter, mitunter heftiger Diskussion.

Frißt die Revolution ihre Verleger?

Die „Affäre Suhrkamp“ vor bald einem Jahr war im Vergleich eine klare Sache: Ein selbstbewußtes und selbständiges Lektorat verlangte vom Verlagsleiter Mitbestimmung; da ihm diese nur in Grenzen gewährt wurde, zogen einige die Konsequenz und gingen.

Völkerkunde leichtathletisch

Mehrmals im Jahr reisen auf Verabredung ausgewählte Angehörige bestimmter Nationen ins Ausland. Zweck der Reise: sie wollen allesamt erzwingen, daß in dem fremden Land ihre Nationalhymne gespielt und ihre Flagge gehißt wird.

Kunstkalender

„B 1 macht Objekte, Projekte, Plastiken, Bilder, Räume – arbeitet kinetisch und statisch, mobil und stabil, ist auf die Fabrikation und Industrie eingestellt.

ZEITMOSAIK

Er war nach Baden-Baden gefahren zur Vorbereitung der Vernissage seiner Ausstellung bei Hauswedell, die jetzt eine Gedächtnisausstellung wird: auf der Rückfahrt nach Frankfurt ist Werner Schreib auf der Autobahn tödlich verunglückt.

Lydia Schierning empfiehlt Schallplatten

Joseph Haydn: „Die Schöpfung“; Janowitz, Ludwig, Wunderlich, Krenn, Fischer-Dieskau, Berry, Wiener Singverein, Berliner Philharmoniker, Leitung: Herbert von Karajan; Deutsche Grammophon Gesellschaft 643 515/16, 38,– DM (Subskriptionspreis bis 30.

Vorbild oder Verführer?

Martin Heidegger hat einmal Platons Begriff der Paideia, der philosophischen Bildung, dahingehend gedeutet, diese Bildung sei Prägung und Geleit durch ein Vorbild.

KRITIK IN KÜRZE

„Grausamkeit und Sexualität“ von Roland Villeneuve. Dem Titel entspricht die Aufmachung, goldgeprägte Beschläge auf dem schweren schwarzen Kunstledereinband.

Der Bananen-Kondottiere

Vollgesogen von Maya-Mythen und Sozialethos, speit „Große Zunge“ auf den Bananen-Imperialismus in Mittelamerika. Wie zu präkolumbianischen Zeiten will er Kollektivbewußtsein ausdrücken und leiht seine Stimme den ausgebeuteten Indios und Mestizen in Guatemala und Honduras.

Literatur oder Frauensache?

Simone de Beauvoir, die Verfasserin des Romans „Les Mandarins“, gilt seit ihrem Werk „Le Deuxième Sexe“ als verdiente Kämpferin für die Belange der Frauen, ziemlich unangefochten, wie mir scheint.

Neuer Anfang in Zürich

Die antiken Grundmuster des Dramas sind sehr unterschiedlicher Vergegenwärtigung ausgesetzt. Wohin der in Ostberlin lebende, vierzigjährige Heiner Müller mit seiner Griechen-Verdeutschung zielt, ist noch nicht recht zu erkennen.

Fernsehen: Lotto–Ideologie

Ist doch ein Spaß, diese Wahl, mit einem Kanzler, der auf den Plakaten wie eine Kopie jenes silberhaarigen Mannes aussieht, dem immer der Henkell-Trocken-Sekt so gut schmeckt, ist doch ein Spaß, sagen die Mainzer Magazinisten, dieser Wettstreit der Stars, Kurt und Willy, zwei alte Freunde, man erinnert sich doch an die Kriegs-Sketche aus London, Heil Hitler sagte der eine, der andere ’n Abend, ein Quiz ist das, wer wagt, der gewinnt, tippt alle mit, rief Mainzens Löwenthal, aber schreiben Sie bitte den Absender leserlich und vergessen Sie nicht, auch die Zahl hinter dem Komma zu notieren.

FILMTIPS

„Edipo Re – Bett der Gewalt“, von Pier Paolo Pasolini. „Accident – Zwischenfall in Oxford“, von Joseph Losey. „Das Doppelleben der Sister George“, von Robert Aldrich.

Müllkutscher mucken auf

Die Auseinandersetzungen über Löhne und Gehälter im öffentlichen Dienst sind mehr als das vordergründige Aufbegehren vor allem der am schlechtesten bezahlten Gruppen unter den Arbeitern, Angestellten und Beamten der Gemeinden, der Länder und des Bundes.

Streiks - nur mit den Gewerkschaften?

Streiks sind nach der herrschenden Meinung in Wissenschaft und Gerichtspraxis nur dann rechtmäßig, wenn sie von Gewerkschaften mit tarifpolitischen Zielen geführt werden.

Münchner Abkommen 1969

Freilich hatte Böll im Sommer nicht im Sinn, was Holtzbrinck, Droemer, Leonhard, Vogel und Wehrenalp im Herbst ausheckten – im Gegenteil.

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