Von Heinz Josef Herbort

Schimele Soroker, ein Schneidermeister mit zwei Gesellen und einer Tochter, hat nach neunzehn Jahren Lotteriespiel endlich Glück – auf sein Los fällt der Hauptgewinn: zweimal hunderttausend. Schimele Soroker wohnt in Galizien, nach wenigem Minuten wird von Reisen nach Kiew gesprochen, und der karitativ eingestellte Schneider verteilt aus seinem Gewinn mal hier fünf, mal dort fünfundzwanzig Rubel. In Berlin jedoch ist in Titeln von Rußland tunlichst nicht die Rede, in Boris Blachers neuem, an der Deutschen Oper uraufgeführtem Stück gewinnt man daher – und das gibt dem Werk den Namen – „200 000 Taler“.

Schimele Soroker tut, was ein rechter Neureicher immer tut: Er bezieht ein feines Haus, leistet sich Dienstboten, fährt in der Kutsche, gibt für andere Neureiche feudale Essen und wird selbstverständlich seine Tochter an einen gutbetuchten Mann bringen.

Aber der 200 000-Taler-Gewinn erweist sich als Irrtum, und prompt läuft wie vorher der aufbauende nun der abbauende Mechanismus ab: Die reichen Freunde ziehen sich zurück, die Schneiderfamilie findet sich in der alten brüchigen Werkstatt wieder, und Töchterchen Bailke bekommt, den sie immer haben wollte, nämlich den treugebliebenen Gesellen. Epilog des Juden Soroker angesichts des moralisch doch glücklichen Endes: „Ah, Kinder, das ist doch ein hilfreicher König. Er läßt uns zwar oft Seinen Zorn spüren, doch alles, was Er tut, ist zum Guten Seines Volkes.“ So einfach ist das Leben.

Boris Blacher zu seiner Oper „200 000 Taler“: „Der Reiz des Stoffes liegt meiner Ansicht darin, daß hier an der kleinsten Zelle menschlicher Gemeinschaften, das heißt an einer jüdischen Familie der östlichen, polnisch-russischen Gebiete, Kräfte deutlich werden, die unser Jahrhundert wesentlich bewegten: wie die Veränderung der sozialen Struktur, Rassenhaß, die Antinomie von Glück und Materialismus, aber auch das Generationsproblem und vieles andere mehr.“ Veränderung der sozialen Struktur: In der Tat wird der Schneider, der mit der Arbeiterklasse auch den dazugehörigen Buckel verlor, einmal, ein „Bourgeois“ genannt, benutzt Blacher, ganz auf der Höhe seiner Zeit, auch den Begriff „Sozialismus“, fordert einer der Schneidergesellen seinen Kollegen einmal auf: „Sing ein revolutionäres Lied!“

Doch Gesellen wie Meister, Vater, Mutter und Tochter samt Hauspersonal und feinen Gästen äußern sich lieber in einer weniger revolutionären Sprache. Die Motorik aus Strawinskys „Sacre“, kombiniert mit Puccinis kleinzelliger Thematik und kirchentonartlichen Fünfton-Melodien, diese Mischung durch den Wolf zu quasi-seriellem Modernismus gedreht und mit gelegentlichen Klangfarbenmustern aufgepäppelt: Blacher kennt sich überall aus, und wer genau mitzählt, erkennt sogar das alte Blacher-Prinzip des arithmetischen Verlängerns und Verkürzens rhythmischer und thematischer Phrasen wieder.

Blacher nennt zwar sein Stück eine „singspielhafte Komödie“, allein: zu singen gab er seinen Darstellern wenig. Ein rezitativisches Plappern herrscht vor, viel Text gibt’s und wenig Ton, ein wortreiches, ein geschwätziges Stück, bei dem die Musik kürzer kommt als je zuvor in einer „Oper“. Und sie reden und singen alle den gleichen Jargon, der Herr wie der Knecht, der Arbeiter wie der Bourgeois, eine uniformierte Gesellschaft ist dies, an der weder Gewinn noch Verlust noch Einsicht auch nur irgendwie etwas ändern.