Mittwoch, 24. September 1969, 4.10 Uhr, die Vögel schlafen noch. Für den Münchner Demonstranten-Verteidiger Rechtsanwalt Eggert Langmann ist die Nacht zu Ende. Das Telephon klingelt, am Apparat ist Dr. Paul Gerhard Völker, Lehrbeauftragter am Germanischen Seminar der Universität. Er will von seinem Anwalt wissen, was drei Kriminalbeamte nachts in seiner Wohnung zu suchen haben, ob er und seine Frau Erika sich erkennungsdienstlich behandeln lassen müssen. Langmann befragt die Strafprozeßordnung. Ihm schwant Böses. Wenige Minuten später ruft der linksgerichtete Trikont-Verlag an: „Hier sind 65 Polizisten mit Hunden. Sie wühlen alles durch. Das Haus ist umstellt. Was sollen wir tun?“ Bevor Langmann den Trikont-Leuten zu Hilfe eilen kann, ruft die Kommune „Wacker Einstein“ an, die Polizei sei im Haus. Dann meldet sich die Kommune in der Nordendstraße. Das gleiche. Die sozialistischen Wohnungsgemeinschaften in der Georgenstraße, Franz-Joseph-Straße, Elisabethstraße, die Wohnungsgemeinschaft Haus Ehrbar melden sich. Eine erste Überschlagsrechnung ergibt: etwa 120 uniformierte und 140 Kriminalpolizisten nutzen die kühle Morgenstunde, um der Münchner APO einzuheizen. Die Strafprozeßordnung erlaubt der Staatsanwaltschaft solcherlei nächtliches Zugreifen von vier Uhr früh an. Ab Oktober darf erst von sechs Uhr an durchsucht werden.

Beim bedrängten Trikon-Verlag angekommen, findet Rechtsanwalt Langmann folgende Situation vor: die mit Walkietalkies ausgerüsteten Beamten betreten auch Räume, deren Durchsuchung von der richterlichen Anordnung nicht gedeckt wird. Sie beschlagnahmen wahllos: Aktenordner, Manuskripte, Putzlappen, vier Radiobatterien, ein 71 cm langes Kabel, die Kartei der linken Kunden, ein Auto. Eigentlich sollten sie laut Einsatzplan den 2 CV der Verlagsgesellschafterin Gisela Erler, einer Tochter des verstorbenen SPD-Politikers, konfiszieren. Aber als dieses Auto nicht greifbar war, nahmen sie ein anderes. Gegen Protest, ohne Quittung.

Das gleiche Bild in den anderen 15 gleichzeitig heimgesuchten „Objekten“. Die Beamten klingelten die Kommunarden im Ho-Tschi-Minh-Rhythmus aus den Betten. Wo die Klingel nicht klingelte, trommelten eifrige Finger das Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh an die Fensterscheiben. Die Vollzugsorgane kamen zu ihrer beabsichtigten Gaudi. Wo rasch geöffnet wurde, konnte sie junge Sozialisten, Maoisten, Trotzkisten, Gammler, Gesindel beiderlei Geschlechts(!) in den Betten photographieren. In allen 16 „Objekten“ hinterließen sie Blitzlichtbirnen auf dem Fußboden. Sie nahmen Schreibproben von allen greifbaren Schreibmaschinen, machten Skizzen aller Wohnungen, rochen an Heizölkanistern, sammelten Holzwolle in Kellergängen, beschlagnahmten ausgediente Petroleumflaschen, wurden stutzig angesichts eines zu einem Staubsauger-Mechanismus gehörigen Kohlstückchens, beargwöhnten eine ihnen verdächtige Astbestschnur, bis sie herausfanden, daß Asbest nicht brennt.

Die Angst vor Molotow-Cocktails trug die Szene. Denn am Abend des gleichen Tages standen. den Münchnern die Wahlkämpfer Strauß und Kiesinger ins Haus. Auch andernorts wurde nichts versäumt, den Linken kräftig das Handwerk zu legen. Mit Hilfe des Universitätskanzlers Friedberger drangen die Polizisten in die AStA-Räume ein, stemmten Türen auf und nahmen mit, was sie kriegen konnten. Besonderes Interesse verwandten sie auf die Kartei der Ärzte, die Studentinnen Anti-Baby-Pillen verschreiben und auf Unterlagen über CSSR-Kontakte. Offizielle Begründung der Nacht-und-Nebel-Aktion: entflohene Fürsorgezöglinge hätten sich in Kommunen (Schreckwort aller bayerischer Obrigkeit) verborgen und lebten von Diebstählen.

Der tatsächliche Sachverhalt ist komplizierter. Die Außerparlamentarische Opposition, als sie den Ausweg aus dem akademischen Getto suchte, fand die Probleme der staatlichen Fürsorgezöglinge, deckte sie auf, und entfesselte eine Art Heimflucht der Minderjährigen. APO-Angehörigen, besonders Mitgliedern der Gruppe „Südfront“ gelang es, in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Jugendamt, die milieugeschädigten Jugendlichen zu „legalisieren“. Der quasi Stromkreis Milieu – Heim – ausreißen – keine Papiere – kein Geld – Diebstahl – Jugendstrafe – Heim, wurde wirksam unterbrochen. Inzwischen waren zusammen mit dem Jugendamt Pläne für Lehrlingswohngemeinschaften ausgearbeitet worden, in denen Fürsorgezöglinge mit Sozialarbeitern leben und arbeiten sollten.

Dies indes konnte der Obrigkeit der oberbayerischen Hochebene weder verborgen bleiben, geschweige denn behagen. Es ging ums Prinzip, zumal vor der Wahl. Der Paragraph 86 Jugendwohlfahrtsgesetz stellt unter Strafe den, wer einem Minderjährigen

1. dem eingeleiteten gerichtlichen Verfahren auf Anordnung der Fürsorgeerziehung oder der angeordneten Fürsorgeerziehung oder