Von Rolv Heuer

kann man die Grenzen der Leinwand sprengen? Wie den Raum in Beziehung zum Bild setzen? Wie den „totalen Raum“ schaffen? So neu, wie diese Fragen sind, sind sie nun auch wieder nicht. Das Hauptthema der heutigen Kunst wurde schon einmal bewältigt, bevor es überhaupt als solches auftauchte – und zwar von dem heute fast völlig vergessenen Maler und Plastiker Johann-Michael Bossard, der, 1874 geboren, 1950 in der Lüneburger Heide starb.

Bossards Hauptwerk heißt weder Environment noch Totalkunstwerk, sondern schlicht „Kunsttempel“.

Vier Jahrzehnte investierte Bossard in die Arbeit an diesem einzigartigen Kunstwerk – Werk auch im Sinn von Fabrik verstanden: Hier wurde in großem Maßstab Kunst produziert. 1800 Bilder lagern noch heute in der Lüneburger Heide bei Lüllau, 34 Kilometer vor Hamburg.

Als der berühmte Kunsthändler Multhaupt den Kunsttempel besuchte, sagte er zur Witwe Bossards, die die Anlage mit viel Energie und ohne viel Geld pflegt: „Ich gebe Ihnen einen Rat: Umgeben Sie das Grundstück mit Stacheldraht, Handgranaten und Fallgruben, damit ja kein Kunsthändler hierher kommt.“ Doch solche Maßnahmen erwiesen sich als überflüssig.

Bossards Platz in der Kunstgeschichte ist nicht klar definierbar, eher als er in der Kunstgeschichte hat die Kunstgeschichte in ihm Platz. Bossards Jugendstil ist der Jugendstil, später finden sich expressionistische, symbolistische, sogar kubistische Elemente. Bossard beherrscht viele Stile – das hat mit Stilübung nichts zu tun. Bossards Stil ist die Übung. Er übt, bis er kann.

Was kann er mit diesem Können anfangen? Er könnte seinen Stil entwickeln, hätte seinen Stil entwickeln können und so langsam die Handelsmarke Bossard durchsetzen – doch wenn ihm ein Talent fehlte, dann das, sich Gruppierungen anzuschließen, Verbündete zu gewinnen, Kritiker zu überzeugen, zu intrigieren und zu reüssieren. Bossard ignorierte den Kunstbetrieb und dieser ihn. Statt sich irgendeinem Bauhaus anzuschließen, wandte sich Bossard dem Hausbau zu.