Die Zukunft kann beginnen – endlich. Die Wahlen sind vorbei; bald wird auch die Regierungsbildung vorüber sein. Danach heben jene siebziger Jahre an, die im Wettkampf der Parteien zwar immerwährend als Bezugspunkt der Verheißung und Verpflichtung in Anspruch genommen worden sind, deren Konturen jedoch so vage blieben wie ihr Inhalt Undefiniert. Es ist an der Zeit, sich ein genaueres Bild vom 198. Jahrzehnt unserer Kalenderrechnung zu machen.

„Das 198. Jahrzehnt“ – so heißt eine ZEIT-Serie, die auf Seite 12 dieser Ausgabe anfängt und die zwölf Wochen lang laufen soll, bis unmittelbar an die Schwelle der siebziger Jahre. Freunde haben diese Serie für Marion Gräfin Dönhoff, den Chefredakteur der ZEIT, erdacht und ihr zugedacht. Über zwei Dutzend namhafter internationaler Fachleute zeichneten auf, was in ihrem jeweiligen Bereich während der nächsten zehn Jahre wahrscheinlich ist, was möglich wird oder nottut. Auf diese Weise ist eine Enzyklopädie der Zukunft entstanden, wie sie in der Springflut der futurologischen Schriften ihresgleichen nicht hat.

Mit dem Studium dieses faszinierenden Kompendiums muten wir unseren Leser allerhand zu: Zukunftsanalysen lesen sich nicht so leicht wie Science Fiction. Aber wir haben uns noch nie gescheut, dem ZEIT-Publikum schwere Kost vorzusetzen, wenn wir das Gefühl hatten, die Lektüre sei der Mühe wert. Wir verzichten auch bewußt darauf, die authentische Sprache der Fachleute glatt- und plattzuhobeln. Wir trauen den ZEIT-Lesern beides zu: die Fähigkeit, mitzulesen und mitzudenken.

Die alphabetische Liste der Autoren, die zu der Serie „Das 198. Jahrzehnt“ ihre Originalaufsätze beigesteuert haben, beginnt mit Raymond Aron und endet mit Carl-Friedrich von Weizsäcker. Dazwischen stehen unter anderen: Herman Kahn, Zbigniew Brzezinski, Pierre Hassner, George F. Kennan, Alastair Buchan; Robert Havemann, Peter Christian Ludz, Karl Dietrich Bracher, Wolf Graf Baudissin, Daniel Bell, Georg Picht, Wolf Häfele, Hellmut Becker, Hartmut von Hentig.

Thematisch spannt sich ein weiter Bogen von Kahns „Modell für 1980“ bis zu Weizsäckers „Zukunft der Wissenschaft“. Europas künftige Gestalt, der Nord-Süd-Konflikt, Kriegsprognosen und Friedenschancen bilden einen Themenkomplex. Ein zweiter gilt deutschen Fragen, samt der deutschen Teilung, der Sicherheitspolitik der Bundesrepublik und ihrer gesellschaftlichen wie politischen Weiterentwicklung. Der dritte Teil schließlich beschwört die Notwendigkeiten der nachindustriellen Gesellschaft und bringt konkrete Vorschläge für eine europäische Wissenschaftspolitik wie für die Prioritätensetzung deutscher Großforschung; daneben enthält er einen Gesamtplan für die Bildung und einen Gesamtplan für die Schule in der Bundesrepublik. (Ein Verzeichnis der Autoren und Themen ist auf Seite 19 zu finden.)

Was können wir wissen? Was sollen wir wollen? Was müssen wir tun? Die Serie „Das 198. Jahrzehnt“ ist Standortbestimmung, Zielansprache und Wegweisung in einem. Sie steckt den Horizont der Welt von morgen ab, und sie beschreibt, welche Aufgaben unserem Land in dieser Welt gestellt sein werden. Sie erschöpft sich nicht in bald gruseliger, bald gefälliger Prophetie, sondern verbindet mit dem Hinweis auf das Wahrscheinlichste stets den Appell zum Handeln. Und wo sie nicht alle Aspekte künftiger deutscher Politik umfängt, berücksichtigt sie doch die wesentlichen. Die neue Bundesregierung mag „Das 198. Jahrzehnt“ als ein ähnlich nützliches Brevier der Zukunft betrachten wie die Nixon-Administration vor einem Jahr den Sammelband Agenda for the Nation – als eine Tagesordnung für die Republik.

Deswegen beginnen wir mit der Veröffentlichung gerade in dieser Woche – also nach der Wahl –, und eben deswegen glauben wir unseren Lesern diese Lektüre zumuten zu dürfen.

Th. S.