Im Oktober 1969

Lieber Freund!

In diesen Tagen werden Sie fünfzig Jahre alt. Wohnte ich noch in Prag, so brächte ich Ihnen ein paar Blumen, und wir würden ein bißchen feiern, ohne Feierlichkeit.

Die Blumen bestellte ich nun aber bei der Münchener Fleurop, denn ich werde an Ihrem Geburtstage nicht in Prag sein, obwohl Sie mir der Nächste sind, obwohl ich, um eine Stunde mit Ihnen zu sprechen, gern eine Tagesreise auf mich nähme. Dabei ist es von hier nach Prag gar nicht so weit – trotzdem: ich werde nicht kommen, und ich muß Ihnen erklären, warum nicht.

Als ich im August 1968 die Tschechoslowakei verließ, drei Tage nach der Besetzung des Landes durch sowjetische, ostdeutsche, polnische, ungarische und bulgarische Truppen, fuhr ich, ein deutscher Schriftsteller mit tschechoslowakischem Paß, nach Deutschland, ohne Illusionen, mit bescheidenen Hoffnungen. Nicht der 21. August war für mich der schwarze Tag gewesen. In meiner Erinnerung steht der Unstern vielmehr deutlich über jenem Tag von Bratislava, an dem die Führer der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei, statt ein paar Millionen Gewehre zu verteilen, ihren Paktgenossen neue Zusagen machten, von denen sie hofften, daß das Volk ihre Einhaltung nicht gänzlich verhindern würde. An diesem Tage, drei Wochen vor dem Einmarsch der Sowjets, wußte ich, daß meine drei Koffer, ein Jahr zuvor in Ostberlin nach Prag adressiert, wiederum gepackt werden müßten.

„Nach dem Krieg“, sagt ein tschechisches Sprichwort, „ist jeder Soldat General.“ Auch ich gerate in den Verdacht, solch ein General zu sein, denn jeder Unteroffizier zwischen Elbe und Mississippi beantwortet heute die Frage nach der militärischen Chance der Tschechoslowaken gegen die Rote Armee mit einem eindeutigen Nein. Auch ein Oberst im Generalstab, den ich am Morgen des 21. August aus dem Böhmerwald ins besetzte Prag zu seiner Dienststelle chauffierte, gab mir auf Anhieb die fachmännische Erklärung, daß jeder Widerstand sinnlos sei.

Die wirkliche Frage, die für die Zukunft der Tschechoslowakei und Europas wichtige Frage, lautet ja auch ganz anders, nämlich: Hätte die Sowjetunion samt ihren volksdemokratischen Verbündeten die Tschechoslowakei überfallen, wenn die Regierung der ČSSR am 3. August die Mobilisierung angeordnet hätte? Wenn das Volk, nicht im Stich gelassen von seiner politischen Führung und nicht verwirrt von seinen intellektuellen Ratgebern, die acht Tage vor der Okkupation eine Unterschriften-Kampagne für die Auflösung der Volksmiliz begannen, in seiner Gesamtheit bewaffnet worden wäre?