Mahatma Gandhi zum Gedenken

Von Jerome D. Frank

Seit dem Auftreten Mahatma Gandhis, dessen 100. Geburtstag die Welt an diesem Freitag gedenkt, wird gewaltloses Handeln als Form politischer Auseinandersetzungen ernst genommen. Gandhi prägte dafür das Wort "Satyagraha", das gewöhnlich mit "Kraft der Seele" übersetzt wird. Sein Sinn: Gewaltloses Handeln mit dem Ziel, den Besitzer überlegener Gewaltmittel vernichtend zu schlagen, erfordert Mut, Disziplin, Initiative und äußerste Kraftanstrengung.

Jeder Konflikt ist im Grunde der Zusammenprall eines Willens mit einem anderen Willen; jeder Kämpfer will den andern dazu bringen, daß er ihn als den Stärkeren anerkennt; diese Anerkennung kann von dem einfachen Eingeständnis, unrecht zu haben, bis zur Hingabe von Leib und Leben in die Hand des Siegers reichen. Die wirkungsvollste Weise, seinen Willen durchzusetzen, ist es immer gewesen, den Gegner solange leiden zu lassen, bis er nachgibt, oder ihn zu töten, wenn er auf seinem Eigensinn beharrt.

Die stärkere Entschlossenheit eines Kämpfers kann die Überlegenheit an Waffen und taktischem Geschick des anderen aufwiegen, deshalb ist es ein wichtiges Mittel, seine Willensstärke zu beweisen, wenn man seine Fähigkeit und Bereitschaft zeigt, für die eigene Überzeugung zu leiden. Dies wird unter manchen Umständen wirkungsvoller sein als zurückzuschlagen, weil es den Gegner lähmt und entmutigt, anstatt ihn zu weiterer Gewalttätigkeit zu reizen. Diese Einsicht ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit – Religionen haben die Macht des Leidens gepredigt, mit der man sich selbst und den Gegner erlöst, und die Geschichte kennt zahllose Beispiele von Menschen und Gruppen, die sich mit gewaltlosen Mitteln durchgesetzt haben – aber bis in die jüngste Zeit sind diese Beispiele nicht ernst genommen worden und waren nichts als schöne Themen für glänzende Predigten, die an der Kirchentür sowohl von der Gemeinde als auch vom Pfarrer vergessen wurden.

Dann brachte ein Genie, Mahatma Gandhi, die Gewaltlosigkeit von der Kanzel in die Kampfarena, indem er systematisch die Mittel entwickelte, einen Kampf ohne Blutvergießen zu führen und indem er praktisch ihre außerordentliche Wirksamkeit zeigte. Martin Luther King jr. und andere haben neuerdings gezeigt, daß Gandhis Methoden mit Abänderungen erfolgreich auf eine andere Gesellschaft übertragen werden können.

Gandhi wandte sich in erster Linie an das Gewissen seines Gegners – er versuchte, "das beabsichtigte Leiden eines in seinem Gewissen getroffenen Menschen auf die Höhe einer moralischen Kraft zu heben, die ihm Achtung abnötigen und den Erfolg verbürgen mußte". Zu diesem Zweck muß man zwischen dem Gegner und seinem Tun einen deutlichen Unterschied machen. Gandhi richtete sich nicht gegen Personen, die in bestimmten Stellungen verwerfliche Dinge taten, sondern gegen die gesellschaftliche Struktur, die sie dazu zwang, und er stritt seinem Gegner nicht das Gewissen und die Überzeugung ab, nach seinen Maßstäben rechtschaffen zu handeln: "Der Mensch und seine Taten sind zweierlei. Wenngleich eine gute Handlung Billigung und eine böse Tat Mißbilligung hervorruft, verdient der Täter, sei er nun gut oder böse, immer Achtung oder Mitleid, wie der Fall nun liegen mag."