Zwei Arten des Kampfes

Gandhi hatte nur wenige hundert ihm völlig ergebene Schüler, aber lange Zeit war er fähig, Millionen von Indern zur Befolgung seiner Methode zu bringen. Es besteht kein Grund anzunehmen, daß sie persönlich weniger zu Gewalttätigkeiten neigten als irgendeine vergleichbare Gruppe von Bürgern – tatsächlich waren einige seiner erfolgreichen Anhänger Pathans, Mitglieder eines kriegerischen Stammes, deren militärische Tugenden des Mutes und der Gruppendisziplin sie zu besonders hochwertigen gewaltlosen Kämpfern machten. Ähnlich ist es bei amerikanischen Negern, die erfolgreich in gewaltlosen Kampagnen mitgekämpft haben: sie weisen eine hohe Quote von Gewaltverbrechen auf.

Während nicht alle Teilnehmer an einer gewaltlosen Kampagne die Weltanschauung ihres Führers zu teilen brauchen, ist es fraglich, ob die Taktik der Gewaltlosigkeit beim völligen Fehlen einer stützenden Ideologie Erfolg haben kann, weil die Versuchung, die Sache aufzugeben, sobald man keinen Erfolg sieht, sehr stark ist. Das gegenwärtige Überhandnehmen von Gewalttätigkeiten im Kampf um die amerikanischen Bürgerrechte läßt stark vermuten, daß die Gewaltlosigkeit sich nicht aufrecht erhalten läßt, wenn die Begeisterung für einen Führer fehlt, der von einem starken Glauben beseelt ist.

Damit hängt eine Frage zusammen, die einer weiteren Untersuchung bedarf, nämlich ob solche Arten nicht-tödlichen Kampfes wie Betrug und Sabotage, die sittliche Grundsätze verletzten, angewendet werden dürfen, ohne das Kernstück von Gandhis Lehre der Gewaltlosigkeit – den Appell an das Gewissen des Gegners – preiszugeben. Die zwei Arten des Kampfes sind theoretisch nicht miteinander vereinbar, aber in der Wirklichkeit sind sie es gewesen – zum Beispiel umfaßte die norwegische und dänische Widerstandsbewegung alle erdenklichen gewaltsamen und gewaltlosen Taktiken.

Wahrscheinlich kann eine gewaltlose Aktion im Rahmen taktischer Manöver ohne Unterstützung durch Ideale keinen Erfolg haben, und sie wird wahrscheinlich auch versagen, wenn sie auf einer Ideologie ohne Disziplin beruht. Gewaltloses Kämpfen verlangt von seinen Anhängern genau soviel Gruppendisziplin wie gewaltsamer Kampf, ein Punkt, der oft, von radikalen Pazifisten übersehen wird, nach deren Grundsätzen jegliche Anerkennung einer Autorität, die nicht ihre freiwillige Zustimmung gefunden hat, abzulehnen ist. Daher halten sie sich nur an Entscheidungen gebunden, die durch Übereinstimmung getroffen wurden, sie lehnen es ab, die Führung selbst zu übernehmen, treiben gegen die Führerschaft anderer Obstuktion und möchten unter keinen Umständen Autorität übertragen. Eine Gruppe, deren Mitglieder diese Anschauung vertreten, wird vielleicht etwas ausrichten, wenn sie einen sehr starken Zusammenhalt hat, aber eine "Mitbestimmungsdemokratie" kann nicht ohne echten Gemeinsinn auskommen. Menschen, die dieser Anschauung anhängen, bringen her vielleicht indirekt ihren Widerstand und ihren Haß gegen alle Autorität zum Ausdruck, dem solche Menschen benutzen oft die Forderung nach Einstimmigkeit als Vorwand für ihre Opposition, übernehmen aber keine Verantwortung für klare und brauchbare Entscheidungen.

Gandhi beging nie den Fehler, die Bedeutung der Disziplin zu unterschätzen – vielleicht lag das Wesen seines Genies in der Verbindung unerbittlicher, einfallsreicher, höchst disziplinierter, gewaltloser Taktiken mit dem religiösen Idealismus, der für ihre Durchführung notwendig wir. Wie er einmal bemerkte, hatten diejenigen unrecht, die ihm vorwarfen, er sei ein Heiliger, der Politiker sein wolle: in Wirklichkeit war er ein Politiker, der ein Heiliger zu sein versuchte.

Weitverbreitet ist die Ansicht, gewaltlose Methoden seien nur gegen Gruppen erfolgreich, bei denen Gesetz und Ordnung herrschen und wo das Individuum geachtet wird wie bei den Amerikanern und Briten. Das Schicksal der Juden unter dem Nazismus wird oft als Beispiel für diese Ansicht vorgebracht. Es ist aber nicht sehr überzeugend, denn manche Zwangslagen sind hoffnungslos – das heißt, keine Art des Kampfes kann Erfolg haben – und nachdem der Zweite Weltkrieg in Gang war, traf dies auf die Notlage der Juden zu. Es wird oft vergessen, daß die Vernichtungslager erst eingerichtet wirden, als Deutschland sich im Krieg befand (ob sogar die Nazis solche Grausamkeiten in Friedenszeiten hätten durchführen können, erscheint fraglich); und zu diesem Zeitpunkt hatten die Juden drei Möglichkeiten zur Wahl, deren keine ihr Leben hätte retten können: gewaltsamer Widerstand, gewaltloser Widerstand und fatalistische Ergebung. Das beste was sie tun konnten, war, auf eine Weise zu sterben, die am meisten mit ihrer Selbstachtung vereinbar war und die ihnen im Ausland am wahrscheinlichsten Sympathie, einbrachte: die meisten leisteten keinen Widerstand, sondern fanden sich einfach apathisch mit ihrer eigenen Vernichtung ab. Es gibt viele bewegende Berichte über Juden, die, nachdem sie die Aufforderung erhalten hatten, sich auf dem Polizeirevier zu melden, zu ihren nichtjüdischen Freunden gingen und sich verabschiedeten, ohne jeden Gedanken an einen Fluchtversuch zu äußern Niemand weiß, was sich ereignet hätte, wenn die Juden zu einer gewaltlosen Aktion übergegangen wären, bevor das Naziregime sich gefestigt hatte und als es noch den Wunsch hatte, im Ausland einen günstigen Eindruck zu machen. Man stelle sich zum Beispiel vor, die Juden hätten den Widerstand gegen das Tragen von Armbändern mit dem Judenstern organisiert und die Polizei gezwungen, sie ins Gefängnis zu schleppen; das hätte der deutschen Bevölkerung vielleicht die Augen über diese Vorgänge geöffnet und hätte vielleicht schneller eine wirksame Opposition in anderen Ländern hervorgerufen.