Die Spitzen der deutschen Wirtschaft waren zum sechzigsten Geburtstag des BASF-Chefs Bernhard Timm in Ludwigshafen versammelt, als wider aller Erwarten in Bonn eine Mark Aufwertung auf leisen Sohlen beschlossen wurde. So sorgfältig und leise hatte das Bundespresseamt die Ankündigung dieser Maßnahme formuliert, daß die Chefs von Banken und Unternehmen, aus Ludwigshafen an ihre Schreibtische zurückgekehrt, zwar über die Koalitionsmöglichkeiten der drei Parteien meditierten, aber von der eigentlichen Sensation des Tages erst recht spät erfuhren.

Die Sensation bestand darin, daß das alte Bundeskabinett wie in den guten alten Zeiten von Misch und Plum einstimmig eine Empfehlung an die Deutsche Bundesbank formulierte, "die Interventionen am Devisenmarkt zu den bisherigen Höchst- und Mindestsätzen vorübergehend einzustellen".

Nichts anderes besagt dieser harmlos klingende Satz, als daß die Bundesbank Dispens von ihrer Verpflichtung erhalten hat, den Dollarpreis der Markt. Das, war nur kühne und Mangel zulässigen Bandbreiten der Parität von 4 Mark, durch Ankauf und Verkauf von US-Dollars zu halten. Bei der hohen Wertschätzung der Mark läuft das auf eine Aufwertung hinaus, nicht durch hoheitlichen Akt vollzogen, sondern durch den Markt. Das, was nur kühne und einem Mangel an praktischer Einsicht geziehene Wissenschaftler forderten, was die Wirtschaftsredakteure des Londoner Economist als zu theoretisch belächelte ultima ratio für die Lösung von partiellen Währungskrisen seit Jahren anpriesen, war nach einer kurzen Kabinettsitzung in Bonn Wirklichkeit geworden.

Nicht etwa ein schwaches Pfund, sondern die starke D-Mark ist für unbestimmte Zeit aus dem weltweiten System der starren Wechselkurse herausgelöst worden, aus ihrer festen Bindung an den US-Dollar, der zentralen Bezugsgröße fast aller Währungen der westlichen Welt. Ihr Kurs wird sich künftig "frei schwebend" am freien Markt einpendeln, so wie es der Kurs einer Aktie an der Börse täglich tut. Ihr Kurs kann ohne Limit in die Höhe gehen, wenn ein Run auf die Mark einsetzt, ihr Preis kann in den Keller fallen, wenn, aus welchen Gründen auch immer, D-Mark in Mengen auf den Markt geworfen werden.

Das ist nicht mehr als das normale Spiel von Angebot und Nachfrage, zu dessen Steuerung die Bundesbank nun nicht mehr verpachtet, sondern nur noch berechtigt ist. Es ist aber selbst für alle, die die Konsequenzen solch einer Maßnahme schon einmal durchdacht haben, so verblüffend, wie wenn die Welt plötzlich einen Riß bekommen hätte. Freie Wechselkurse – dieses Experiment hat nach dem Krieg bisher nur ein Land gewagt: Kanada löste 1950 seinen Dollar vom US-Dollar und kehrte erst 1960 wieder in die Zucht der starren Wechselkurse des Systems von Bretton Woods zurück.

Die unvermutete Existenz eines flexiblen Wechselkurses verdanken wir freilich keiner planvollen Einsicht des für kurze Zeit plötzlich wiedervereinigten wirtschafts- und finanzpolitischen Gespannes Karl Schiller und Franz Josef Strauß. Sie ist vielmehr ein Vehikel, mit dem sich die beiden Koalitionspartner aus einer Sackgasse herausmanövriert haben. Oder, genauer gesagt, mit dem Bundeskanzler Kiesinger sein "ewiges" Nein zur Aufwertung zu Grabe tragen und Franz Josef Strauß sich einer mißliebigen politischen Fessel zur rechten Zeit entledigen konnte.

Strauß hat sich und dem Bundeskanzler den möglichen Weg zu einer vielleicht doch unumgänglichen Großen Koalition frei gemacht. Er hat wahlpolitischen Schutt aus dem Wege geräumt der durch Schillers wahltaktische Aufwertungskampagne und des Finanzministers machtpolitisches Nein zur Aufwertung zwischen beiden Parteien aufgetürmt worden war.