Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, Anfang Oktober

Auf den ersten Blick schien es, daß das Votum der Wähler keine umwälzenden Ergebnisse gezeitigt habe: Die CDU/CSU hat zwar im Vergleich zu 1965 1,5 Prozent verloren. Sie ist aber stärkste Partei geblieben; die SPD hat zum erstenmal die Schallmauer der 40 Prozent durchbrechen können, aber keinen so großen Anteil erhalten, daß sie daraus ohne weiteres einen Führungsanspruch herleiten könnte. Allein beim Urteilsspruch über die Freien Demokraten haben die Wähler deutlich ihren Willen kundgetan: Der Rückgang um 3,7 Prozent ist ein klares Diktum.

Je tiefer aber die Wahlforscher in das Dickicht der Zahlen eindringen, desto deutlicher zeigt sich, daß das Wählervotum in bestimmten Bevölkerungsgruppen doch sehr viel entschiedener ausgefallen ist, als es das Wahlergebnis, das nur den Saldo aus Gewinn und Verlust darstellt, vermuten läßt.

Schon vor dem 28. September hatte sich abgezeichnet, daß die Ausgangsposition der SPD vorteilhafter war denn je zuvor. Sie hatte sich dicht an die CDU/CSU herangeschoben, und es war ihr sogar gelungen – was Demoskopen wie Politiker gleichermaßen irritierend fanden –, sich dort bis kurz vor der Wahl zu halten. Dann flachte sich die allgemeine Sympathiekurve zwar ab, und es verwandelte sich der bis dahin klare SPD-Vorsprung in einen knappen CDU-Vorsprung – der große Abstand zwischen den beiden Parteien jedoch, der in allen früheren Jahren das Bild unmittelbar vor der Wahl gekennzeichnet hatte, stellte sich nicht wieder ein. Die SPD blieb der CDU/CSU auf den Fersen.

Zu dem relativen Wahlerfolg, der sich daraus ergab, haben vor allem die Mittelschichten, also Angestellte, Beamte, Gewerbetreibende und Selbständige beigetragen. Nach den Befunden des Bad Godesberger Instituts für angewandte Sozialwissenschaft (Infas) ist es im traditionell „linken“ Bereich, bei der gewerkschaftlich organisierten oder klassenbewußten Arbeiterschaft, zu keinerlei Verschiebungen gekommen. 1965 gewann die SPD dort 60, die CDU 25 Prozent der Stimmen; diesmal lautet das Ergebnis 60 zu 26 Prozent. Die Sozialdemokraten haben hier keine Gewinne erzielt; vielmehr deuten einige Anzeichen eher darauf hin, daß es der Partei nicht gelungen ist, die Arbeiterschaft, ihre Stammwähler, vollauf zu mobilisieren. Gegenüber dem durchschnittlichen Stimmengewinn von 3,4 Prozent hat die SPD in Wahlkreisen mit hohem Arbeiteranteil nur einen Zuwachs von 2,9 verbuchen können. Nicht ausgeschlossen ist, daß die günstigen Prognosen für die SPD manchen Arbeiter haben annehmen lassen, daß es auf seine Stimme ohnedies nicht mehr ankomme.

Fast ebenso unbeweglich sind die Anteile der beiden großen Parteien im traditionell katholischen Bereich, zumal in den katholisch-ländlichen Gebieten, geblieben, in denen die SPD noch 1965 beträchtliche Fortschritte machte. Diesmal betrug ihr Zuwachs dort, wiederum weit unter dem Durchschnittsgewinn, nur 1,7 Prozent. Offenbar hat sie bei den Eifelbauern und anderswo vorläufig ihr Maximum erreicht.