Von Dietrich Strothmann

Auch eine Frau hat am letzten Wahlsonntag verloren: Elisabeth Noelle-Neumann, die Umfrage-Chefin aus Allensbach. Diesmal waren ihr die Demoskopen-Götter nicht hold. Gegen 18 Uhr an jenem Tag vernahm man im Zweiten Deutschen Fernsehen, daß auf Grund ihres letzten Testes die SPD vor der CDU das Rennen machen werde. Einige Stunden später bereits war sie widerlegt. Franz Josef Strauß konnte sich hämisch entrüsten: "Wenn man die Ergebnisse der Meinungsumfragen nebeneinander stellt, muß man entweder den Glauben an diese Methode oder den Verstand verlieren."

In der Tat ist nicht einzusehen, warum Frau Noelle-Neumann nicht schon aus ihren Fehlern von 1965 gelernt hat. Damals ließ sie es geschehen, daß CDU-Propagandisten monatelang das Gerücht von einem Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden großen Parteien ausstreuten, obwohl die Umfragen längst ein anderes Zahlenverhältnis ergeben hatten. Damals schwieg sie zur falschen Zeit.

Diesmal unterließen die Mainzer Moderatoren, zur rechten Zeit das vorzulesen, was an Einschränkungen in Frau Noelle-Neumanns versiegeltem Brief an den Fernseh-Justitiar stand, der zu Beginn der Wahlsendung geöffnet wurde. In sechs Punkten hatte die Allensbacherin ihre Umfrageergebnisse in vorsichtiger Weise erläutert und differenziert. Dort heißt es:

"Nach unserer Prognose, die schwieriger denn je war, ist zu erwarten,

1. daß im Vergleich zur letzten Bundestagswahl die SPD einen Stimmenzuwachs erzielt und die CDU/CSU Stimmen verliert. Der Abstand zwischen CDU/CSU und SPD wird voraussichtlich geringer sein als bei jeder anderen Bundestagswahl seit 1953. Die beiden Parteien sind in ihrer Stärke so weit aneinandergerückt, daß wir – bedingt durch die statistischen Toleranzen unserer Erhebungsmethoden – nicht mit der weitgehenden Sicherheit wie bei den vorangegangenen Bundestagswahlen den Sieger voraussagen können.

2. Zu den Verlierern der Bundestagswahl 69 dürfte die FDP zählen. Sie wird wahrscheinlich weniger Stimmen als bei jeder der vorangegangenen fünf Bundestagswahlen erhalten.