Von Paul Laven

Das Ziel des 30 Jahre alten Weltmeisters Jackie Stewart ist es, die Erfolgsserie, den Spitzenstand seines Vorbildes und Landsmannes, des 1967 in Hockenheim zu Tode gestürzten Jim Clark (Weltmeister 1963 und 1965), zu erreichen, ja zu überbieten. Ehe dem Mann mit der Beatlefrisur das gelingt, muß er noch oft dem Ansturm der jüngeren Konkurrenz standhalten.

Nach dem Sieg in Monza auf dem unter Ken Tyrells kluger Regie ausgereiften Matra-Ford, nach dem sechsten Erfolg in den bisher acht Weltmeisterschaftsrennen dieses Jahres – zwölfmal war er seit seinem Beginn auf Formel I Erster – kann auch ein noch so wunderlicher Verlauf der Schlußkämpfe in Übersee (5. 10. in den USA, 2. 11. in Mexiko) seinen Titelgewinn nicht mehr gefährden. Mit 60 Punkten führt er vor dem Neuseeländer McLaren (24) und vor Jacky Ickx (22). Nach seinem 2. Platz auf dem Nürburgring hinter diesem Brabhamfahrer (in Monaco mußte Stewart, das einzige Mal bisher in diesem Jahr, wegen Motorschaden ausscheiden) wies er eindringlich auf Jochen Rindt hin. Dieser bis dahin in der Formel I wenig erfolgreiche Fahrer würde noch überraschende Leistungen vollbringen. Sein Lotus-Ford scheint nach Monza die Pechsträhne hinter sich gelassen zu haben. Stewart: "Wenn Rindt einmal an der Spitze gewesen ist, wenn er ‚Blut geleckt hat‘, wird er nur noch schwer zu stoppen sein."

In Monza ging es am Ende um Bruchteile von Sekunden. Ganz knapp kamen hinter Stewart und Rindt aber Servoz Garvin (Matra-Ford) und McLaren auf seinem eigenen Wagen an. Immer mehr bewahrheitet sich Stewarts Kennzeichnung dieses Fahrers als eines "konsequent vorandrängenden Konstrukteurs des neuseeländischen Rennsportaufstiegs". Er schöpft nicht nur immerfort das dazu benötigte Geld bei den Can-Am-Rennen ab, er hat sich jetzt auch mit Geschick und ohne sich voranpeitschen zu lassen auf den 2. Platz der Weltmeisterschafts-Rangliste 1969 vorangekämpft. In Monza hatte dem Neuseeländer, dessen Sparsamkeit sprichwörtlich ist, der Gerichtsvollzieher den Kuckuck auf seinen Wagen geklebt. Es ging um eine lang zurückliegende Schuld (28 000 Mark), die er noch nicht beglichen hatte.

Über den Sieger auf dem Nürburgring sagte Stewart: "Daß Ferrari diesen Ickx nicht engagiert hat, bereute der Commendatore sicher schon oft. Die Forderungen des Belgiers (120 000 Dollar plus 50 Prozent aller Start- und Siegpreise) waren ja sehr hoch, aber die neue Verbindung Ferrari-Fiat muß ja jetzt um die Aufpolierung ihres Images bemüht sein. In Monza fuhr ja nicht der junge, bisher vergeblich um den großen Erfolg bemühte Neuseeländer Chris Amon, sondern der Mexikaner Rodriguez den einzigen dort startenden Ferrari. Ickx hatte mit seinem Brabham Pech. Eine Auseinandersetzung mit dem australischen Boß hemmte ihn wohl außerdem." Für 1970 hat Ickx jetzt einen Vertrag mit Ferrari abgeschlossen.

Der neue Weltmeister macht einen ruhigen, zielbewußten Eindruck. Seine Art klug abwägenden und, wenn es sein muß, fuchtig kämpferischen Einsatzes bei den Kämpfen dieses Jahres bewies immer erneut, daß er mit Recht an der Spitze steht. Daß an den Wagen jetzt in gestutzter Form wieder Flügel und kleine "Flossen" angebracht sind, daß der Vierradantrieb weiter reifen wird, das spielt bei seinen Überlegungen und in seiner Planung gewiß eine Rolle. Wichtiger aber ist es ihm, sich immer mehr in seinen Matra "hineinzuleben". Nach dem Nürburgring-Rennen versicherte er, daß er, wenn nasses Wetter geherrscht hätte, einen Matra-Ford mit Vierradantrieb gefahren hätte. Er glaube im Gegensatz zu Rindt an dessen Zukunft. Der Indianapolis-Sieger von 1969 und italoamerikanische Großverdiener Mario Andretti hätte sich auf dem Lotus mit Vierradantrieb auf dieser einzigartigen deutschen Rennstrecke nicht zurechtgefunden. Rindt bekannte, daß man schlecht in dem Wagen mit diesem Antrieb "säße". Stewart aber versicherte, daß man sich an ihn gewöhnen werde und daß, wenn der Antrieb von den Hinterrädern zum Beispiel stärker geworden sei, alle – auch Rindt – ihn steuern würden. Ob an Stelle der bis 1972 geltenden Formel (3 Liter Hubraum oder 1 1/2 Liter mit Kompressor, 500 kg Mindestgewicht), um den Amerikanern entgegenzukommen, 4- oder 4 1/2-Liter-Wagen bald erlaubt würden, das hält Stewart zunächst für nicht wahrscheinlich.

Der "Beatle" wiegte den Kopf hin und her. Sicher könne bis zum Ende, bis zum Großen Preis von Mexiko, noch einiges, was die Platzordnung hinter ihm angehe, passieren, meinte er. Was die beiden Neuseeländer McLaren, der gleichzeitig Konstrukteur seines Wagens sei, und Hulme (Weltmeister 1967 auf Brabham-Repco), Repräsentanten eines motorbegeisterten Volkes auf ferngelegenem Inselland, leisteten, sei imponierend. Liebe zu ihrem Sport und Geschäftssinn seien da eine erfolgreiche Bindung eingegangen. Und leistungsfähiger Nachwuchs werde aus diesem Teil der Erde sicher bald zu erwarten sein.