Rot Wolf hat sich mit den wenigen Büchern, die er bisher veröffentlichte, als einer der stärksten und eigenartigsten Prosaisten der jungen deutschen Schriftstellergeneration gezeigt. Ich fürchte, das ist kaum beachtet worden. Zu sehr entbehrte sein Auftreten des Spektakulären. Er machte durch nichts von dem von sich reden, das heute zur außerliterarischen Begleitmusik von Literatur gehört, etwa Skandale, laute politische Stellungnahmen oder Pornographie. Zudem hat er wenig geschrieben: "Fortsetzung des Berichts", die Abenteuerserie "Pilzer und Pelzer" und nun ein unscheinbares Bändchen von Geschichter aus den letzten Jahren –

Ror Wolf: "Danke schön. Nichts zu danken"; edition suhrkamp 331, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 117 S., 3,– DM.

Aber dieses wenige gehört zu den besonderen Leistungen der deutschen Schriftstellerei, und wie alles Außerordentliche heute ist es damit zugleich ein Grenzfall der Literatur, einer Literatur nach Beckett und Nathalie Sarraute, deren Erfahrungen und ästhetische Konsequenzen in die Prosa Wolfs eingegangen sind.

Wolf geht von der erst jetzt bei uns selbstverständlicher werdenden Voraussetzung aus, daß Bücher keine unterhaltsamen Geschichten mehr erzählen müssen. Wie revolutionär dieses Bewußtsein ist, läßt sich schon daran zeigen, daß die meisten deutschen Schriftsteller – wenn man einmal von Heißenbüttel, Handke und der Wiener Gruppe absieht – es nicht akzeptiert haben und daß das breite Publikum immer noch Geschichten erzählt haben will, auch wenn unsere Umwelt sich nicht mehr in traditionellen Fabeln wiedergeben läßt.

Für Ror Wolf ist Sprache, Fabel und Figur nichts Feststehendes mehr; es ist lediglich ein Material, das seinen eigenen Zwängen gehorcht oder vom Schriftsteller bearbeitet – und das heißt in Wolfs Fall: deformiert – wird. Nicht selten durchkreuzen sich mehrere Fabeln oder lösen einander auf.

Die Fabel ist nicht mehr das Selbstverständliche; sie ist das, was unter dem Magma der Wörter und dem verschwommenen Bewußtsein der Figuren aufgesucht werden muß. Das Ereignis ist verborgen. Verborgene Ereignisse aber sind gewöhnlich kriminelle und sexuelle. Wäre das Ereignis selbstverständlich und alltäglich, ein schlichter Erfahrungsaustausch, es müßte sich ja nicht verborgen halten. Darum sind die blitzartig auftauchenden Szenen bei Wolf meist Mord und Vergewaltigung. Sexualität und Kriminalität reten schockartig in Erscheinung, verschwinden wieder, und es ist unsicher, ob sie überhaupt real stattgefunden haben, ob jemand sie sieht, phantasiert oder erzählt.

In der frühen, aber sehr eindrucksvollen Geschichte "Entdeckung hinter dem Haus" läßt sich die verborgene Fabel noch recht gut konstituieren. Dort nämlich tritt dem Erzähler selbst in Schüben ins Bewußtsein, was er eigentlich bissen müßte, zum Beispiel, daß er hinter dem Hause einen Teich hat. Gleich zu Anfang teilt er dies als etwas Ungewöhnliches mit: "Hinter meinem Haus habe ich jetzt einen Teich entdeckt. Ich erinnere mich nicht, ihn früher dort gesehen zu haben, aber gestern, bei einem Abendspaziergang, stand ich plötzlich vor ihm."