Um die Gewalttätigkeiten hinreichend verstehen zu können, müßte natürlich immer auch das Bild berücksichtigt werden, das Polizisten sich vom typischen Studenten machen. Dies jedoch war nicht der Gegenstand der Marburger Studie. Es wäre interessant festzustellen, ob zutrifft, was die befragten Studenten in diesem Zusammenhang annehmen. Sie glauben nämlich, Polizisten sähen in Studenten potentielle Umstürzler, die gegen jene Ordnung kämpfen, die der Polizist auf Grund seines Berufs verteidigen zu müssen glaubt. Und ein Drittel der Befragten nimmt weiterhin an, der typische Polizist halte den typischen Studenten vor allem für einen Faulenzer, der sich auf Kosten des Steuerzahlers ein schönes Leben mache. Sollten sich diese Annahmen der Studenten empirisch bestätigen lassen, wäre damit ein großer Teil der Aggressionen auf seiten der Polizisten erklärbar, weiß man doch aus Erfahrung, daß bereits eine Handvoll Gammler, die die Arbeitsnormen unserer Gesellschaft durch Nichtstun in Frage stellen, genügt, um allzu viele Bürger gewalttätig reagieren zu lassen.

Das eindeutige, zumeist aggressive Handeln, das die vorgefaßte Meinung der Mitglieder beider Gruppen erlaubt, wird immer dann vorübergehend gehemmt, wenn im Verlauf einer Demonstration sich ein Polizist und ein Student gegenüberstehen. Sicherlich ist dies auf Grund objektiver Geschehnisse selten der Fall. Tritt dieses Ereignis aber ein, so kann man die paradoxe Beobachtung machen, daß sich die Beteiligten – gewissermaßen von Mensch zu Mensch – unterhalten, und wenig später, bei veränderter Situation, wenn sie also in ihrer Gruppe wieder untertauchen und die Vorurteile erneut zur Wirkung kommen, schlagen sie aufeinander ein.

Skeptiker wenden ein, diese Art von Aggression entspringe objektiven Sachzwängen, etwa wenn eine Gruppe von Demonstranten versuche, eine Absperrung zu durchbrechen. Ein solcher Einwand hat zwar das objektive Geschehen als Beleg für sich, widerspricht jedoch keinesfalls den sozialpsychologischen Mechanismen und damit auch nicht der Möglichkeit, "objektiven Sachzwängen" bei Kenntnis der Tatsachen entgegenzuwirken, Aggressionen also auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Hier läge tatsächlich für eine geschickte Polizeiführung der Ansatz, vor allem Demonstrationen, die als "friedlich" angekündigt werden, nicht unnötigerweise auf die gewaltsame Bahn zu lenken.

Angst und Unsicherheit

Daß solches Abgleiten in Gewalttätigkeit jederzeit sehr leicht möglich ist, zeigen weitere Befunde der Marburger Studie. Fast zwei Drittel der befragten Studenten geben an, in Gegenwart eines Polizisten, unabhängig von der jeweiligen Situation – etwa auch als Verkehrsteilnehmer – Angst und Unsicherheit zu empfinden. Zorn, Auflehnung und ähnliche emotionale Affekte erlebt ein Drittel der Studenten in jedem Fall ohne jeden Anlaß. Der bloße Anblick eines Polizisten genügt hierfür. Angst und Unsicherheit in Gegenwart eines Polizisten: dies widerum hat seine vordergründige Ursache im Bild des Polizisten, das Studenten sich machen.

Woher sie dieses Bild haben und warum sie es haben, diese Frage ist schwer zu erklären und wird ihre Beantwortung wahrscheinlich erst durch eine exakte Analyse der Erziehung, besonders aber die Rolle der Autorität in dieser Erziehung finden.

Vorerst genügt zur Erklärung der harten Auseinandersetzungen bei Demonstrationen die bei den befragten Studenten ermittelte Verknüpfung von Unsicherheit und Auflehnung. Der Psychologe kennt aus zahlreichen Untersuchungen die enge Verbindung von Angst und Aggression. Von hier aus gesehen erweisen sich nachträgliche Diskussionen, etwa über das Problem der Gewalt gegen Sachen oder Personen, als blanke Rationalisierungen. Diese rationalisierte Trennung ist auf Grund der psychologischen Situation der Demonstranten in keinem Fall aufrechtzuerhalten.