Von Hans-Albert Walter

Vom 18. bis 21. September hatten sich in Stockholm etwa sechzig Wissenschaftler und Publizisten aus vierzehn Ländern zur ersten internationalen Konferenz, über die deutsche Exilliteratur versammelt. Initiiert war das Symposium vom Nestor der Exilforschung, dem jetzt fünfundachtzigjährigen Professor Walter A. Berendsohn. Eingeladen hatte die Universität Stockholm. Ihr Germanist Gustav Korlén leitete die Diskussion.

Über das Fernbleiben der meisten angekündigten DDR-Vertreter hat die Tagespresse ausführlich berichtet. Von einem Boykott des Symposiums durch die DDR kann freilich keine Rede sein. Neben den Mitarbeitern des DDR-Kulturzentrums in Stockholm waren immerhin zwei Delegierte des Instituts für Marxismus-Leninismus anwesend. Sie referierten über ihre Arbeit und beteiligten sich am Erfahrungsaustausch. Daß die Absagen sehr klug gewesen seien, darf indes um so mehr bezweifelt werden, als einige der nicht Erschienenen dem Vernehmen nach demnächst doch nach Stockholm kommen werden – zu den Feiern anläßlich des 20. Jahrestags der Gründung der DDR.

Am Rande hörte man, daß die Botschaft der Bundesrepublik ebenfalls nicht gerade geschickt taktiert habe. Der Leitung des Symposiums sei brieflich mitgeteilt worden, offiziell könne man „die Leute aus der SBZ“ zum Empfang der Botschaft für die Symposiumsteilnehmer nicht einladen; die schwedischen Veranstalter sollten ihnen aber sagen, daß sie „willkommen“ seien. Der deutsche Bruderzwist in Form einer Hintertreppenkomödie: dies war der allgemeine Eindruck der ausländischen Delegierten.

Symptomatisch war es auch, daß die Zusammensetzung des westdeutschen Teams genau die Bedeutung widerspiegelte, die unsere Germanistik dem in Stockholm behandelten Thema beimißt. Neben Werner Berthold, dem Leiter der Sammlung Exilliteratur in der Deutschen Bibliothek Frankfurt, und den Professoren Hans Wolffheim und Alfred Kantorowicz, Hamburg, wurde die Bundesrepublik durch Publizisten und Studenten repräsentiert.

Werner Bertholds Referat zur Exilforschung in der Bundesrepublik zeigte einmal mehr, daß der Anstoß zu wissenschaftlicher Beschäftigung mit der Exilliteratur nicht von den Universitäten kam. An erster Stelle durfte Berthold mit Recht die Deutsche Bibliothek selbst nennen, die mit ihrer Sammeltätigkeit und der Wanderausstellung „Exil-Literatur 1933–1945“ das öffentliche Interesse geweckt hat. Zum zweiten erwähnte er die Biobibliographie, die Wilhelm Sternfeld und Eva Tiedemann, ein emigrierter Publizist und eine Bibliothekarin, 1962 veröffentlichten. Das inzwischen unentbehrlich gewordene Werk hat jüngeren Publizisten bei ihrer Arbeit wesentlich geholfen. Auch eine Gesamtdarstellung der Exilliteratur entsteht außerhalb der Universitäten. Der Verfasser dieses Berichts arbeitet seit fünf Jahren an dem Buch und wird seit einem Jahr von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziell unterstützt. Einzig Matthias Wegners Untersuchung „Exil und Literatur“, die die Analyse eines Romanthemas mit einer breiteren Einführung in die Probleme der Exilliteratur verbindet, ist aus einer Dissertation hervorgegangen.

Wolfgang Kiessling vom Institut für Marxismus-Leninismus behandelte in seinem kurzfristig anberaumten Vortrag ein Spezialthema zur politischen Emigration in Lateinamerika. Über den allgemeinen Forschungsstand in der DDR war daraus relativ wenig zu entnehmen, wohl aber die grundsätzliche Bemerkung, Exilforschung werde als Teil der Erforschung des antifaschistischen Widerstands betrieben.