Von Rolf Zundel

Bonn, im Oktober

Kurt Georg Kiesinger mußte warten. Auf Dienstag, 18 Uhr, hatte sich die Delegation der FDP beim Kanzler angesagt. Walter Scheel aber, der Vorsitzende der Freien Demokraten, verspätete sich. Er hatte zuvor dem Bundespräsidenten einen Besuch gemacht und ihm mitgeteilt, was nun auch der Kanzler erfuhr: Die Freien Demokraten wollen zunächst nur mit den Sozialdemokraten verhandeln. Die Visite im Kanzleramt war kurz; die Stimmung war von gequälter Freundlichkeit gekennzeichnet. Noch am gleichen Abend, um 20 Uhr, begannen die offiziellen Koalitionsgespräche zwischen FDP und SPD in der Dienstvilla Willy Brandts auf dem Venusberg. Die erste Runde im Kampf um die neue Regierung hat die Union verloren.

Seit der Wahlnacht wiederholten die Politiker der CDU/CSU immer wieder die gleiche beschwörende Formel, die CDU/CSU sei als stärkste Partei aus den Wahlen hervorgegangen, damit sei der Führungsanspruch der Union bestätigt werden. Rainer Barzel verkündete es vor dem Fernsehen, Bundeskanzler Kiesinger teilte es dem Bundespräsidenten mit. Aber niemand wollte von den Christlichen Demokraten geführt werden.

Die Sozialdemokraten folgten zwar – „allein schon der guten Form wegen“ – der Einladung zu einem Gespräch mit Kiesinger, aber sie machten zur gleichen Zeit auf drastische Weise deutlich, daß die CDU/CSU für sie als Koalitionspartner nicht mehr in Frage komme. Und der Hauptadressat des Unions-Appells, die FDP, ließ erst einmal bloß kühl wissen, zunächst müßten die Parteigremien entscheiden. Inzwischen aber formierten sich die Freien Demokraten zur Flucht nach vorn: in die Koalition mit der SPD. „Wir kommen einfach nicht richtig an sie ran“, klagte ein CDU-Funktionär. In der Union breitete sich immer mehr das melancholische Gefühl aus, langsam, aber sicher auf die Oppositionsbänke abgedrängt zu werden.

In der Wahlnacht, nach den ersten Hochrechnungen, lag die CDU noch weit vorn und wähnte sich schon im Besitz einer Mandatsmehrheit. Die Christlichen Demokraten triumphierten. „Kleine Koalition, gar keine Frage, versicherten Politiker der Union. „Unter diesen Umständen wird die FDP zu Kreuze kriechen müssen.“ Je später es wurde, um so ernster wurden die Gesichter der CDU-Politiker. Der Sekt wurde schal. Und als ein Siegeschor der Jungen Union Kiesinger feierte und mehr laut als harmonisch intonierte: „Auf den Kanzler kommt es an“, war im Palais Schaumburg der Zweifel schon Hausgenosse geworden.

Am Dienstag tagte die FDP fast ununterbrochen, der SPD-Parteirat versammelte sich in fast heiterer Entschlossenheit; offizielle Bonner Gremien der Union aber traten nicht zusammen. Es gab nichts zu beschließen. Während früher die CDU-Kanzler immer die Fäden der Koalitionsverhandlungen in der Hand hatten, bot die CDU/CSU diesmal ein diffuses Bild: Einzelpatrouillen allerwegen, aber sie hatten es schwer, in die Hauptstellung der FDP einzudringen. Einer der ersten Anrufer war der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kohl, Chef einer CDU/FDP-Koalition in Mainz; auch Heck streckte die Fühler aus, Barzel gab Signale. Verbindliches erfuhren sie jedoch nicht, und es blieb ihnen nicht viel mehr als die Hoffnung, daß vielleicht doch wenigstens ein paar konservative FDP-Abgeordnete abspringen würden.