Von Wolf Donner

Am Sonntag um 17.50 Uhr, zehn Minuten vor Beginn der Sendung, lösen sich plötzlich die Verkrampfungen, sieht man Dieter Gütt zum erstenmal an diesem Tag lachen. Wochen, Monate hatte man an dieser Sendung herumgedoktert. Die letzten Proben hatten natürlich nicht geklappt, technische Eskapaden waren schiefgegangen. Aber nun ist es egal, es hat sich ausgeplant, man kann sich nur noch ins kalte Wasser fallen lassen. Über Lautsprecher die Stimme des Regisseurs: Good luck und seid ganz ruhig, ich bin bei euch.

Es wird still im Kölner Wahlsonderstudio, nur die Fernschreiber rasseln hinter einer Glaswand. Dann die Eurovisionsmusik. Achtzehn Uhr. Die bisher komplizierteste und technisch aufwendigste Sendung des Deutschen Fernsehens seit der Berichterstattung über den Tod Adenauers hat begonnen.

Die Arena, in der diese Fernsehschlacht ausgetragen wird, macht einen gelassenen, ruhigen Eindruck, und so wird es die ganze Wahlnacht über bleiben. Das Kölner Studio A ist größer, ist vielschichtiger aufgegliedert als das anderer Livesendungen, die redaktionelle und technische Mannschaft ist sehr viel umfangreicher, aber der äußere Eindruck läßt das Ausmaß und die Schwierigkeit dieser Sendung nicht vermuten. Sie ist, das zeigt der harmlose, unerhebliche Verlauf im Studio, das Ergebnis einer minuziös exakten Vorplanung und Organisation. Ein Glied greift reibungslos ins andere, fast scheint der Sendeablauf eine gespenstige Selbständigkeit angenommen zu haben.

Doch der äußere Eindruck trügt. Es gibt Zentren im Kölner Funkhaus und im Studio A. wo in dieser Nacht fast sieben Stunden lang fieberhaft gearbeitet wird

Die Telephonzentrale übersieht man fast, so klein ist sie und unscheinbar. Drei junge Damen vermitteln Gespräche zur Sendeleitung im Studio, zur Regie und zu den Außenübertragungsstellen in ganz Deutschland. Ein kompliziertes Verbindungssystem ist eigens für die Wahlnacht konstruiert worden, mit dem Bestreben absoluter Sicherheit und nach dem Prinzip: jeder muß jeden erreichen können. Es gibt alle nur denkbaren Querverbindungen im Studio selbst und zur Technik, allein dreißig Zeit-Anschlüsse zu den Außenstationen der Sendung. Neben dem normalen Selbstwähldienst hat die Regie eine direkte Sprechverbindung mit sämtlichen an der Sendung beteiligten Stellen. Schließlich sind im Studio und unter allen Außenstationen die alten OB-Leitungen (Ortsbatterie) eingerichtet: wo die Technik ganz kompliziert wird, greift sie als Sicherheitsfaktor auf ihre eigene Vergangenheit zurück.

Die Studiobesetzung ist meist durch „Ohrwürmer“, kleine Hörgeräte, an dieses Verbindungsnetz angeschlossen. Alle tragen Anzüge und weiße oder schwach getönte Hemden. Die legere Hemdsärmeligkeit der Wahlsendung ist ein Opfer der Farbregie geworden.