Arnold de Lantins: "Missa verbum incarnatum" / Guillaume Dufay: "Geistliche Kompositionen" 7 Hugo de Lantins: "Celsa Sublimatur"; Ensemble Syntagma Musicum, Leitung Rees Otten; Electrola C 063-24011, 21,– DM

Während Erasmus fand: "In der Schule wie im Kloster – überall das gleiche: Musik, nichts als Musik", während er gegen die moderne Kirchenmusik wetterte, weil "die Gemeinde kein klares Wort verstehen kann", während die Hussiten Orgeln aus den Kirchen rissen, währenddessen hatte die ungewöhnlich ergiebige, über zweihundert Jahre dauernde, berühmte Zeit der "Niederländischen Musik" begonnen. Vornan steht der Name des avantgardistischen, weitgereisten Guillaume Dufay (1400–1474), und gewiß gehören an den Anfang auch die Namen seiner Zeitgenossen Arnold und Hugo de Lantins. Von diesen beiden ist so gut wie nichts bekannt, auch nicht, ob sie miteinander verwandt waren. Von Dufay (dessen Name dreisilbig gesprochen wird) weiß man zwar auch längst nicht so viel wie etwa durch Vasari über bildende Künstler, aber doch genug, um sich auf viele Erscheinungen in seinem Werk einen Reim machen zu können. Zum Beispiel hört man, daß er, der musikalische Abgott seiner Zeit, in Frankreich und in Italien war und daß Französisches wie Italienisches unverkennbar in seine sehr moderne Musik eingegangen ist, modern in vieler Beziehung: Der Burgunder Dufay hatte den cantus firmus (eine anderen Quellen entnommene feste Melodie) vom Tenor (der ihn zu halten hatte) allmählich in den Diskant geholt und zur führenden Melodie umfunktioniert; er hatte infolgedessen auch die nun zunehmend vom Baß bestimmte, jetzt ungewohnt voll klingende Harmonik entwickelt; er verwandte große und kleine Terzen und gab den ersten Fingerzeig auf Dur und Moll; er entnahm seine cantus firmi für geistliche Werke auch weltlichen Liedern; nicht zuletzt hatte er ein Faible für den Dreivierteltakt. Dies und eigentlich ein bißchen mehr müßte man wissen, wenn man die Stücke dieser Schallplatte mit Genuß hören, will. Zumindest muß man dieser schönen (als Hintergrundschleier schwer erträglichen) Musik genau zuhören, um der Eigenart der Klänge, der Schlüssebildung, der Stimmführung, der Setzweise, des Rhythmus’ innezuwerden. Die Aufführung nämlich ist intensiv, das Streben nach historischer Korrektheit sehr erkennbar, die Wiedergabe makellos. Manfred Sack