Mit letzter Kraft und, wie es scheint, in allerletzter Sekunde hebt die vierstrahlige Düsenmaschine der Lufthansa von der Piste des Flughafens Hamburg-Fuhlsbüttel ab. Schwerbeladen und randvollgetankt für den Nonstop-Flug nach New York gewinnt sie nur langsam an Höhe. Erst nach etwa zwanzig Minuten löschen die Signallichter über den Sitzen aus, und die Fluggäste können es sich endlich bequem machen. Unsere vorgeschriebene Flughöhe beträgt 11 000 Meter, gibt der Kapitän bekannt.

Aus 11 000 Meter Höhe sieht man die Welt mit anderen Augen an, gewinnt man leichter Abstand, genau mit einer Geschwindigkeit von 830 Kilometer in der Stunde.

Es sind – beinahe – ideale Bedingungen für ein ausführliches Gespräch mit dem Direktor des Kieler Weltwirtschaftlichen Instituts und Mitglied des Sachverständigenrates (zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung) Professor Dr. Herbert Giersch. Man nennt ihn auch scherzhaft den "weisen Riesen".

Zu Scherzen ist der Professor, der sich vier Tage vor den Bundestagswahlen auf eine Reise zu Besprechungen und Vorträgen nach Princeton, Chikago und zur Tagung des Weltwährungsfonds (IMF) nach Washington aufgemacht hat, allerdings nicht aufgelegt. Als "weiser Riese" möchte er zuletzt gelten. In aller Bescheidenheit verwahrt er sich nachdrücklich gegen die Unterstellung, daß er der eigentliche Verfasser der berühmten Gutachten zur Beurteilung der gesamtwirtschaftlichen Lage in der Bundesrepublik sei, die seit 1964 alljährlich erstattet werden und, wie es im Gesetz heißt, zur Erleichterung der Urteilsbildung bei allen wirtschaftspolitisch verantwortlichen Instanzen sowie in der Öffentlichkeit beitragen sollen.

"Es ist ein bißchen eine Legende, daß ich den Gutachten meinen Stempel aufgedrückt hätte."

Er sagt, ob mit oder ohne Absicht, "ein bißchen", und er gesteht im nächsten Augenblick: "Manchmal habe ich mich in internen Diskussionen durchgesetzt." Eben darum gilt er nicht ganz zu Unrecht als der "Oberweise" im "Rat der Weisen", der in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder von sich reden gemacht hat und dessen Empfehlungen nicht nur der Regierung Kopfschmerzen bereitet haben.

Das gilt vor allem in der heißumstrittenen Frage der Notwendigkeit einer Aufwertung der Mark, die von Bundeskanzler Kiesinger und vor allem Franz Josef Strauß heftig bestritten und – spätestens seit diesem Frühjahr – von Wirtschaftsminister Karl Schiller ebenso heftig befürwortet worden ist.